Gott ist der christlichen Moral Kern und Stern; er ist die letzte Norm der christlichen Moral, er ihr letzter Verpflichtungsgrund und ihre allein durchschlagende Werbekraft. Nach allen drei Beziehungen soll Gott ausgeschaltet und die neue Ethik auf sich selbst gestellt werden. Unmögliche Forderungen!


I. Gott allein ist die letzte Norm der Moral.

Auf die Frage: warum ist etwas gut, z. B. die Heiligung des Sabbats und die Ehrfurcht vor den Eltern, und warum ist etwas, z. B. Unzucht und Diebstahl, schlecht? antwortet der Christ wohl zuerst: weil Sabbatheiligung und Elternliebe von Gott geboten und weil Unzucht und Diebstahl von ihm verboten wurden. Sein nächstliegendes Unterscheidungsmerkmal findet er also in den »Zehn Geboten«. Er geht darin sicher; denn, was Gott geboten, kann nicht sittlich schlecht, und was er verboten, nicht sittlich gut sein. Diese Norm ist zwar nicht die letzte objektive, wie später gezeigt werden wird, aber doch die praktisch brauchbarste, weil nächstliegende.

Die Moderne will dieses Kriterium, weil es in einem »Fremdwillen« und auf »religiösen Verpflichtungen« beruht, nicht gelten lassen. »O, meine Brüder, zerbrecht mir die alten Tafeln!« so hat einer der Gewaltigsten gesprochen (Nietzsche, Zarathustra »Von alten und neuen Tafeln«), und abermals klirren die Trümmer des Gottesdokumentes am Felsen. Moses zerbrach die zwei Tafeln, weil sie ihm für das sündige Volk zu heilig schienen, die Moderne entledigt sich ihrer, weil sie ihr sittlich nicht hoch genug stehen.

Aber was will sie denn an ihre Stelle setzen? Wonach soll denn unsere Zeit entscheiden, was gut und was bös ist?

Chaotisch fluten die Antworten auf diese Frage durcheinander. »Sittlich gut ist«, sagt uns der Prophet des Übermenschen, »was den Willen zur Macht fördert«, und »sittlich gut ist«, sagt uns im Gegenteil ein Schopenhauer, »was aus Mitgefühl mit andern hervorgeht«. »Sittlich gut ist«, sagt uns ein Kant, »was aus reinem Pflichtgefühl hervorgeht«, und »sittlich gut ist«, sagt ein De la Mettrie, »nur das und alles das, was mit Lust und aus Lust verrichtet wird«. »Sittlich gut ist«, sagt ein Reid, »was am gesunden Menschenverstand gemessen wird«, und »sittlich gut«, sagt ein Shaftesbury, »ist das, was mit dem moral sense übereinstimmt«. »Sittlich gut«, nennt der gestrenge Fichte das, »was das Ich vervollkommnet«, und »sittlich gut« nennt der zynische Helvetius alles das, »was den Sinnenkitzel fördert«. »Sittlich gut« ist dem Egoisten Stirner alles, »was das Ich hebt, unbekümmert um das Wohlergehen anderer«, und als »sittlich gut« bezeichnete ein John Stuart Mill, ein Laas, ein Lotze nur das, »was das größtmöglichste Glück der größtmöglichsten Zahl hervorzaubert, unbekümmert um das Schicksal des einzelnen«. »Sittlich gut« handelt nach Wundt und Paulsen, »wer immer auf Steigerung der Kultur hindrängt«, »sittlich gut« handelt nach Eduard von Hartmann, »wer zur schnellen Weltvernichtung beiträgt«.

So setzt der eine anstelle des Dekalogs das eigene Ich, der andere die Gesamtheit, der eine die Lust, der andere den Schmerz, der eine den trockenen Verstand, der andere das ewig schwankende, unstet tosende Gefühl. »Man braucht nur«, sagt Förster (Autorität und Freiheit, S. 46 ff.), »an die Fülle widerstreitender Theorien in der sexuellen Reformliteratur zu denken, um vorauszusehen, daß es künftig auf dem Gebiet einer konsequent weltlichen Laienethik noch unvergleichlich mehr Meinungsverschiedenheiten geben wird als auf dem Gebiete des religiösen Glaubens … Wir lernen heute anschaulich kennen, was aus Ethik und Religion wird, wenn »die Menschen sie machen«, das unerlöste Individuum kommt darin so gründlich zu Wort, daß von Religion und Ethik nicht viel übrig bleibt«. Und es bleibt, um mit R. Eucken (Geistige Strömungen der Gegenwart, S. 324) zu reden, »nur die Tatsache festzustellen, daß unsere Zeit überhaupt einer ihre innersten Bedürfnisse befriedigenden Moral entbehrt …« und daß ein »solcher Mangel an der eigenen Moral die Kraft der Moral in unserer Zeit herabsetzt«, – eine Tatsache, die allerdings nicht sehr zu Gunsten der von den Zehngeboten losgelösten neuen Moral spricht.

Diese vom sichern Fundament des Zweitafelgesetzes losgelöste Moral muß Unsicherheit und Verwirrung in alle Kreise tragen. Sie ist ja nicht eine rein theoretische Wissenschaft, sondern eine Lebensnorm.