Der einzelne will zu einer moralischen Größe sich heranbilden; wie kann er es? Will er, mit Kant dem kategorischen Imperativ folgend, etwa auf eine Neigungsheirat verzichten, dann ruft ihm ein Helvetius zu: Du handelst unmoralisch; denn schlecht ist es, der Lust nicht zu folgen, und geht er mit Helvetius der Neigung nach, dann erhebt der Weise von Königsberg energisch Einsprache gegen sein Tun. Öffnet er, von Schopenhauers Mitleidstheorien beeinflußt, den Notleidenden seine Börse, dann schleudert Nietzsche ihm das Anathem entgegen, weil es unmoralisch sei, das Schwache zu stützen, und glaubt er nun Nietzsche, dann hat er Schopenhauer zum Gegner. So kommt er nie zum Handeln; denn wer will ihm sagen, welche von den sich bekämpfenden Lehren die wahre ist? Alle bieten dieselbe Gewähr, weil alle den Köpfen einzelner entspringen.
»Diese Wirkung«, bemerkt Förster wiederum treffend (a. a. O. S. 47), »machen sich die Gegner der religiösen Autorität auch nicht annähernd klar … Kann ich mich denn selbst erziehen, mich beherrschen und enthalten, wenn alle sittlichen und religiösen Lehren nur individuelle Hypothesen sind? Warum soll ich diesen Hypothesen mehr glauben als meinen eigenen individuellen Einfällen? So mische ich mir aus Gutem und Bösem, Wahrem und Falschem meine eigene Ethik, die mit den Leidenschaften wechselt, welche in meiner Seele den Vorrang gewinnen, und die den Zeitmoden folgt, die gerade im Schaufenster des Buchhändlers mein Auge treffen. Vom Standpunkt des Pilatus: »Was ist Wahrheit?« ist jedenfalls keine Charakterbildung möglich.«
In welch verzweifelte Situation die Pädagogik durch diese neue Moral versetzt wird, ist auch klar. Will man es dem einzelnen Lehrer überlassen, sich eines der neuen Moralsysteme zu wählen und darnach seine Schüler zu unterrichten, dann wird in der einen Schule bald die luststeigernde Unsittlichkeit, in der andern die das Übermenschtum fördernde Gewalttat, in einer dritten der das größtmöglichste Glück der größtmöglichsten Zahl bewirkende Tyrannenmord als sittlich gut verteidigt usw. und in der andern all das als verwerflich verurteilt. Welch eine Generation würde da heranwachsen!
Will man aber den Lehrern eine bestimmte Norm vorschreiben, dann fragt es sich wiederum: »Welche?« Und mit welchem Recht verwirft man die anderen? Lehrzwang wäre ja nach der Neuethik unmoralisch!
Nicht erfreulicher als auf dem Gebiet der Pädagogik würde sich das Bild im Gerichtswesen gestalten.
Man will einen Lustmörder verurteilen – aber mit Helvetius wird er beweisen, daß er eine eminent moralische Tat, weil luststeigernd, beging; man will einen Hochstapler gefangen setzen – aber mit Stirner und Nietzsche wird er dartun, daß er durchaus richtig handelte, weil er den »Willen zur Macht« betätigte; man will den Königsmörder belangen – aber der Mob wird ihn als Märtyrer preisen weil er dem Volkswohl die treffendsten Dienste erwies. Wie wäre eine Rechtsprechung möglich?
Selbstbildung, Erziehung, Gesetzgebung und Rechtsprechung erfordern gebieterisch eine einheitliche Norm für gut und bös – die Neuethik gibt sie nicht, damit ist ihre praktische Unbrauchbarkeit erwiesen.
Aber auch die theoretische Überlegung findet in den modernen Moralsystemen, so manche unbestreitbare Wahrheit sie auch in sich bergen mögen, ihr völliges Genügen nicht.
Ein so buntscheckiges Durcheinander die moralischen Normen der Gegenwart auch dem Auge darbieten mögen, so lassen sich doch zwei Hauptgruppen nicht übersehen: es gibt subjektive Maßstäbe der Sittlichkeit und objektive; subjektive, d. h. im Subjekt, im Menschen liegende und objektive, d. h. aus den Dingen, die zum Menschen in Beziehung stehen, sich ergebende.
Die subjektiven Moralprinzipien sind darin einig, daß sie die Gutheit oder Schlechtigkeit einer Handlung aus der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit einem Sittenrichter in uns herleiten, in der näheren Bestimmung dieses Sittenrichters gehen sie aber auseinander. Shaftesbury, Hutcheson, Jacobi, Schuppe, Höffding u. a. verlegen diesen Sittenrichter in den moralischen Sinn, Ad. Smith und Schopenhauer dagegen in das Mitgefühl, Herbert glaubt ihn im sittlichen Geschmack entdeckt zu haben, Reid im gesunden Menschenverstand, Kant dagegen im kategorischen Imperativ.