Nach der ersten Gruppe bedürfen wir also gar keiner langen Untersuchungen über das, was erlaubt und was unerlaubt ist; ein angeborener Instinkt – der moral sense – sagt es uns sofort; aber zunächst ist es unbewiesen, daß ein solch moralisches Gefühl besteht, und wenn es bestände, so bliebe stets noch die Frage offen: Wie kommt es denn, daß diesem moralischen Sinn die einen Handlungen gefallen und andere Unbehagen erwecken? Entweder sagt man: weil Gott die Natur so eingerichtet hat – dann kommt man auf die theistische Ethik schließlich wieder hinaus; oder man sagt: weil der moralische Sinn Lust empfindet bei guten Handlungen, Unlust bei bösen – dann verfällt man dem später zu würdigenden Hedonismus; oder man antwortet: dem moralischen Sinn gefallen die einen Handlungen, weil sie das eigene und fremde Wohlergehen fördern – es mißfallen ihm andere, weil sie das Gegenteil bewirken – dann hat man wiederum die rein subjektive Norm verlassen und sich aus seiner Verlegenheit an das Ufer des Eudämonismus gerettet. Der moral sense versagt.

Ebenso Schopenhauers Mitgefühl. Denn, wenn nur das sittlich gut ist, was aus Mitleid mit andern geschieht, dann ist schlecht jede Handlung der Gerechtigkeit, Reinheit, Geduld, Mäßigkeit und Liebe – wer wollte das aber behaupten?

»Gut«, sagt Kant, »ist nur das, was aus reinem Pflichtgefühl entspringt und dem kategorischen Imperativ entspricht.« Aber der kategorische Imperativ ist eine willkürliche Annahme, und, wenn nur das gut ist, was nicht aus Neigung, sondern nur der Pflicht willen geschieht – dann ist unsittlich die Tat der barmherzigen Schwester, die aus Liebe sich dem Krankendienste weiht, unsittlich die Tat des Kühnen, der aus Mitleid den Ertrinkenden aus den Fluten ans Land holt, unsittlich die Tat des Heiligen, der aus Gottesliebe sein Ich gänzlich opfert, dann war unsittlich die Tat des Gottessohnes, da er aus Liebe zu uns sein Leben dahin gab. Ein solches Prinzip aufstellen, heißt das Edelste, Erhabenste aus dem ethischen Gebiet verweisen und die größten Helden der Menschheit zu Dämonen stempeln.

Das sah man ein, darum kehrte man zu den objektiven Normen zurück; man nannte sittlich gut entweder das Lustversprechende oder das Nützliche oder das Fortschritt Verheißende und unterschied demnach den ethischen Hedonismus, den Utilitarismus und den Progressismus. Aber auch diese reichen nicht aus.

Nicht der Hedonismus; denn, wenn das sittlich gut ist, was die Lust, zumal die Sinnenlust fördert, dann ist gut Müßiggang und Schwelgerei, Ehebruch und Lustmord, dann sind alle Laster zu Tugenden geworden und ernste Tugenden, wie Entsagung, Reinheit, zu Lastern.

Will man ferner dem Utilitarismus gemäß das, was nützlich ist, als moralisch gut bezeichnen, so steht man vor der Alternative, entweder alles, was irgendwie nützt, so zu werten, oder eine Auswahl zu treffen. Alles, was irgendwie nützt, kann nicht moralisch gut sein; denn der Raubmord nützt zum Gelderwerb, Ausschweifung, Rachsucht zur Lusterregung, und doch wird es keinen ernsten Denker geben, der sie nicht als verwerflich brandmarkt.

Man muß also unter dem Nützlichen eine Auswahl treffen, man kann nur das als gut bezeichnen, was zu einem guten Zweck dient – dann fragt es sich aber: Wie kommt es, daß dieser Zweck ein guter, ein anderer ein schlechter ist? So muß ich eine andere Norm zu Rate ziehen.

Fast dasselbe läßt sich von dem dritten System, dem Progressismus, sagen. »Gut ist, was dem Fortschritt dient«; ja, ist aber jeder Fortschritt gut? – auch der Fortschritt des Übermenschen, der das Herdenvolk mit Füßen tritt? Und worin besteht der Fortschritt? In Steigerung der Wissenschaft oder in Anhäufung des Volksvermögens oder in der Kunst? Und warum sind denn Wissenschaft, Volkswohl und Kunst gut? Alle diese Maßstäbe sind zu dehnbar, zu unsicher.

Näher kommt man der Wahrheit, wenn man den Fortschritt in die harmonische Ausbildung des Einzelmenschen und der Gesamtheit verlegt. »Menschheit lebe so, wie es deiner Natur und Würde entspricht«, lautet darum eine andere Formulierung des sittlichen Grundgesetzes. (Zeller.)

Einverstanden, wenn man die menschliche Natur in ihrer ganzen Eigenart und all ihren Beziehungen, d. h. als Teil des Ganzen erfaßt. Seiner Natur nach ist der Mensch ein geistig-sinnliches Wesen, der Geist aber steht höher als das sinnliche Element, darum hat der Geist die Triebe zu regeln, zu lenken; der Mensch ist seiner Natur nach Bruder vieler Brüder, darum hat er den Mitmenschen in allem gerecht zu werden; der Mensch ist seiner Natur nach Geschöpf des einen wahren Gottes, darum kann er Gott nicht übersehen, sonst handelt er naturwidrig. Soweit die ihm gewordene Natur sich erstreckt, so weit auch die auf der Natur fußende Pflicht.