Will der Mensch nun seiner eigenen Würde gerecht werden, so hat er sich vor dem Übergewicht des Sinnlichen zu hüten, er hat seine Triebe nach dem Willen der geordneten Natur zu regeln, Eßtrieb und Trinklust, sexuelle Neigung und Zornesempfinden, er hat also keusch, mäßig und sanftmütig zu leben.

Will er der sozialen Eigenart seiner Natur entsprechen, so hat er den Urhebern seines Lebens, den Eltern, sich anzupassen, hat die höhere Autorität des staatlichen Verbandes zu achten, hat er Eigentum und Leben zu schonen und, weil aus dem ungerechten Begehren die unheilvolle Tat aufflammt, auch innere Neigungen zu unterdrücken.

Will der Mensch aber nicht den wichtigsten Teil seiner natürlichen Stellung übersehen, so hat er sich auch dessen zu erinnern, dem er alles verdankt, seines Schöpfers, hat ihn anzuerkennen und seinen Forderungen zu entsprechen.

Was will das aber alles anderes sagen als das: Du sollst keine fremden Götter neben mir haben, gedenke, daß du den Sabbat heiligest, du sollst Vater und Mutter ehren, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, lügen und stehlen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib noch alles, was sein ist? So führt die Unzulänglichkeit der modernen Moral ganz von selbst zu den Forderungen zurück, die sie zu ersetzen versprach, zu den Forderungen der zwei Tafeln Moses. Keine Ethik, die das menschliche Leben vernunftgemäß zu ordnen gedenkt, wird an den zehn Geboten vorbei und über sie hinauskommen. Nicht aus Willkür gab der Höchste diese Gesetze, sondern weil er sah, daß ohne sie nur chaotische Anarchie die Völker beherrschen wird.


II. Gott allein ist der letzte Verpflichtungsgrund der Moral.

Zwanglos wie die Moderne sein will, sucht sie auch den Zwang aus der Moral zu entfernen. Handeln aus Neigung, aus Achtung vor der Persönlichkeit, nicht aus irgendwelchem Druck, das ist ihre Lieblingsidee, eine Idee, die in gleicher Weise der Psychologie der ethischen Ordnung wie ihrer Geschichte sich entgegenstellt.

Mit vollem Recht bemerkt Eucken dem gegenüber: »Unter Moral hatten wir uns gewöhnt an die Anerkennung einer willkürentzogenen Ordnung, an die Hochhaltung von Pflicht und Gewissen zu denken. Was aber der aesthetische Subjektivismus mit seiner »neuen Ethik« bietet, ist nichts anderes als ein feinerer Epikuräismus, als ein Selbstgenuß des Individuums, das sich von aller Hemmung frei weiß.« (A. a. O. S. 337)

Eine auch nur oberflächliche Analyse des ethischen Lebens der Völker ergibt allerdings als unantastbares Wahrheitsgut die eine Tatsache, daß das Sittengesetz nicht etwa ein »ich möchte von Dir« oder »ich rate Dir«, sondern ein »ich will«, »Du sollst« gebieterisch ausspricht, daß es auch gegen die Neigungen sich durchsetzt. »Gut im moralischen Sinne«, sagt Paulsen (Syst. d. Ethik I8 S. 342), »ist ein Handeln, dessen Motiv die Achtung vor der Pflicht ist. Die Erfüllung der Pflicht liegt aber, wie es scheint, nicht eben in der Richtung des natürlichen Willens. Im Gegenteil: Pflicht ist, wie die Wortbedeutung es einschließt, was man nicht gern tut; was man aus Neigung tut, ist nicht Pflicht … zwischen Pflicht und Neigung ist Widerstreit; das Pflichtgefühl tritt der Neigung entgegen, abnehmend oder antreibend vor der Tat, strafend oder billigend nach der Tat. Das Gewissen stellt sich im Selbstbewußtsein nicht als der Ausdruck des natürlichen Eigenwillens dar, sondern eines fremden, eines höheren Willens, dem der eigene Wille sich beugt oder wenigstens sich zu beugen eine innere Nötigung fühlt: ein Sollen tritt in der Pflicht … dem bloßen Wollen gegenüber. Und aller eigentlich moralischer Wert scheint nun eben darauf zu beruhen, daß das Wollen dem Sollen sich unterordnet.«