Und unter dem Druck dieses »Du sollst« steht die ganze Menschheit. »Nun findet«, sagt Kant, »jeder Mensch in seiner Vernunft die Idee der Pflicht und zittert beim Anhören ihrer ehernen Stimme, wenn sich in ihm Neigungen regen, die ihn zum Ungehorsam gegen sie versuchen«. (Kl. Schr. IV, 14.)

Die Geschichte und persönliche Erfahrung geben ihm Recht. »Ob wir moralisch gut handeln wollen oder nicht, ist uns nicht freigestellt, sondern das Sittengesetz zu beachten fühlen wir uns verpflichtet.« In dem Satz sind alle Moralphilosophen einig, mögen sie nun zu den Peripatetikern zählen oder zu den Stoikern, mögen sie mit Cicero und Seneka in Rom doziert haben oder mit Fichte und Schleiermacher in Berlin, mögen sie mit Darwin und Spenzer auf evolutionistischem Standpunkt stehen oder mit Lotze, Laes, Ihering zum Prinzip des Allgemeinwohles sich bekennen.

Das Bewußtsein, verpflichtet zu sein, ist eine der allgemeinsten Tatsachen der Menschheit.

Sie ist aber auch die notwendigste Voraussetzung einer moralischen Ordnung. Das »sittliche Handeln nur aus Neigung« mag sich in der Theorie recht schön ausnehmen, aber »nur ein grenzenloser, man möchte sagen, kindlich naiver Optimismus, den man liebenswürdig nennen möchte, wenn er nicht mit seiner die Halbgebildeten bestechenden Flachheit gefährlich wäre, kann wähnen, daß man dem Menschen nur schrankenlose Freiheit zu gewähren brauche, um das ganze Leben zu seliger Harmonie zu führen.« (Eucken a. a. O. S. 337.)

Nur zu wahr! Wie oft liegen Neigung und ethische Anforderung miteinander in Konflikt! Man denke doch nur an die Kämpfe auf sexuellem Gebiet! Was ist es, daß die Jugend noch von dem Genuß so sehr lockender, aber verbotener Früchte fernhält, wenn nicht das eine: Du sollst enthaltsam sein? Und was ist es, daß Gatten und Gattin trotz aufflammender entgegengesetzter Neigung zum häuslichen Herd zurückdrängt, wenn nicht das eine: Du darfst nicht untreu sein? Was ist es, was den Kapitän zwingt, auf dem sinkenden Dampfer bis zu allerletzt auszuhalten und so sich dem Tode zu weihen, wenn nicht die Pflicht? Und was ist es, das beim Kriegsruf die ganze Mannschaft des Landes trotz Gatten- und Vaterliebe ins Feuer treibt, wenn nicht wiederum die Pflicht? »Die Pflicht ruft«, und alle Neigungen und Sonderinteressen verschwinden. Nur sie bringt Halt und Festigkeit, Einmütigkeit und Ordnung ins Leben.

Das Pflichtbewußtsein existiert überall und es ist notwendig überall. Das sind also zwei Tatsachen, an denen nicht gerüttelt werden kann.

Wie aber kam das Sollen ins menschliche Wollen? »O Pflicht«, ruft Kant aus, »der du nichts Beliebtes und, was Einschmeichelung mit sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst und … ein Gesetz aufstellst …, vor dem alle Neigungen verstummen …, welches ist der deiner würdige Ursprung?« (Kr. d. pr. V. I T. 1 B. III. Reclam, S. 105.)

Das Christentum beantwortete diese Frage mit dem Hinweis auf Sinais Höhen. Gott war es, der dort an den Menschen herantrat und ihm sein »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst … du sollst nicht« wiederum einschärfte. Gott der Urheber der Verpflichtung, das ist allerdings eine Erklärung, die allseits befriedigen muß; denn wo eine Verpflichtung ist, da muß zunächst ein Verpflichtender sein. Forderungen werden im Sittengesetz an den Menschen gestellt, nicht nur Ratschläge gegeben; wo Forderungen laut werden, muß aber ein mit Recht Fordernder sein. Gesetze sind die ethischen Normen, nicht Wunschäußerungen; wo Gesetze gegeben werden, darf aber der Gesetzgeber nicht fehlen; Gesetzgeber, Fordernder, Verpflichter kann aber nur eine über dem Verpflichteten stehende Macht sein.