»Nie!« versetzte er mit vollkommener Bestimmtheit. Und er mußte wieder sinnend in die Vergangenheit blicken, die im Mondlicht auf den Bergen lag. Er machte eine Hochzeitsreise! Mit voller Börse! An der Seite eines solchen Weibes sah er Thüringen, die Wartburg, sollte er Weimar sehen, Weimar! Und jetzt, in diesem reizenden Hotelzimmer, saß er mit ihr allein am Fenster! Bei solchem Mondschein! Und aß die schönsten Kirschen! Du lieber Gott, wie viele Menschen gab's denn, denen das zuteil wurde!

»Und es ward aus Abend und Morgen ein Tag«; wer immer im Rausch ist, der bedarf kaum des Schlafes; sie nippten vom Schlaf wie Vögel aus dem Bach: ein Tröpfchen und husch – davon! Es war nicht ein Rausch wie vom Wein, nein: viel leichter und darum viel seliger, ein Luftrausch, ein Lichtrausch, ein Lebensrausch. Sie entschlummerten spät unter halbgeträumten Worten, und ihr frühes Erwachen war nur ein anderer Traum.

Freilich, im Lichtrausch kann man sich übernehmen, wenn es sich um physisches Licht handelt: das sollten sie erfahren. Sie hatten sich beim Frühstück verspätet – es plauschte sich so unendlich gut mit ihr beim Morgenimbiß – und machten sich erst um neun auf den Weg. Alles, wessen sie auf ihrer kurzen Reise bedurften, führten sie mit sich; eine strotzende Reisetasche hatte er sich umgehängt; ein Köfferchen trugen sie bald gemeinsam, bald trug er's allein. Sie hätten es wohl mit der Post vorausschicken können; aber man mußte sparsam sein. Es war eine seiner Schwächen, daß er sich ein Talent zum Sparen einbildete. So schritten sie schlank ein munteres Tal hinauf, ein Tal voll blinkender Wasser unter hängendem Gezweig, voll moosiger Felsen und blitzender Schwalben, ein Tal voll Sonntag. Die Burschen standen im Sonntagsputz vor den Türen zusammen und schmauchten mit feiertäglicher Umständlichkeit; die Mädchen schafften noch an Herd und Brunnen, im Gang und im Blick schon den kommenden Tanz. Was Wunder, daß unser Paar alsbald zu singen begann. Und was anders konnten sie singen als:

»Ich hört' ein Bächlein rauschen
Wohl aus dem Felsenquell,
Hinab zum Tale rauschen
So frisch und wunderhell«

und

»Eine Mühle seh' ich blinken
Aus den Erlen heraus,
Durch Rauschen und Singen
Bricht Rädergebraus«

und das seltsame Lied mit der wundersamen Stelle:

»Und da sitz' ich in der großen Runde,
In der stillen, kühlen Feierstunde,
Und der Meister spricht zu allen:
Euer Werk hat mir gefallen«

ein Lied, das aus der Werkstatt kommt und wie aus einer Kirche klingt und uns mit unbegreiflichem Zauber offenbart, daß Arbeit Schönheit und daß Ruhe nach der Arbeit ein frommer Gesang ist. Nie begreift, wer es aus solchen Liedern nicht begreift, daß es ein eigenes Ding ist um das deutsche Vaterland. Ja, sie waren altmodisch, diese beiden Hochzeitsreisenden; sie sangen Franz Schubert und Wilhelm Müller, die man in unseren Konzerten kaum noch hört, weil sie nicht neu genug sind. Hier waren ihre Lieder jedenfalls neu; hier sprangen sie plätschernd aus dem Stein hervor; hier wuchsen sie ihnen von jedem Zweig wie Kirschen in den Mund; hier sang sie jeder Vogel, und jeder Fels hallte sie wider. Da, vor dem Tor am Brunnen, stand der Lindenbaum, und da – horch:

»Von der Straße her das Posthorn klingt!
Was hat es, daß es so hoch aufspringt,
Mein Herz?«