Und als der siebenjährige Ehemann im Walde sang:
»Durch den Hain, durch den Hain
Schalle heut ein Reim allein:
Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!«
da klang es so merkwürdig, daß die zwanzig Schritt vor ihm herwandelnde Geliebte stehen bleiben und sich nach ihm umschauen mußte, obwohl sie nie in ihrem Leben Müllerin gewesen war. Er aber machte die zwanzig Schritt in dreien, warf den Koffer ins Moos und gab ihr einen einzigen Kuß, der aber unter Verliebten seine zwölfe wert war.
»O Kuß in eines Walds geheimstem Grund!
Fernoben über Wipfeln rauscht die Welt
Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund,
Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken!
Der Lippen Duft wie junges Tannengrün,
Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht,
Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt!
O sternendunkler Abgrund, ende nicht
Und laß uns ewig deine Dämm'rung trinken –«
Indessen: der Abgrund tat ihnen nicht den Gefallen; sie traten aus dem Hain auf eine Chaussee. Chausseen können sehr schön sein, wenn sie wollen; aber gewöhnlich wollen sie nicht. Es war Mittag geworden, und bis zu dem Orte, wo sie die Eisenbahn erreichen wollten, waren es noch zwei Stunden. Nach ungefährer Schätzung mußten es jetzt einige Grade über dreißig im Schatten sein; aber das interessierte hier um deswillen nicht, weil die Chaussee keinen Schatten hatte. Immerhin konnte man, wenn man nicht kurzsichtig war, das Ende der Landstraße absehen, und dann – überhaupt: konnte man sie mit Sonnenschein schrecken? »Sonne ist gerade was Feines,« riefen sie und schritten mit höhnischem Trotz in den Zügen fürbaß. Sie schätzten die in weißglitzerndem Lichte vor ihnen liegende Straße auf eine gute Viertelstunde; aber man unterschätzt diese Landstraßen. Nach einer guten halben Stunde erreichten sie das Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang.
»So knüpfen ans fröhliche Ende
Den fröhlichen Anfang wir an«
sang er, und sie schritten weiter. Vorsichtiger geworden, schätzten sie das vor ihnen liegende Stück auf eine kleine halbe Stunde; aber man unterschätzt diese Landstraßen. Nach dreiviertel Stunden kamen sie endlich ans Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang. Sie waren offenbar auf einen weiten Umweg geraten; die Augen eines jungen Weibes sind eben keine Landkarte. Sie schritten weiter; aber singen tat er nicht mehr; das Klima war der Stimme nicht günstig. Immerhin war es ein Trost, daß das Stück vor ihnen höchstens eine halbe Stunde sein konnte; aber man unterschätzt diese Landstraßen. Selbstverständlich trug der sparsame Mann schon seit langem das ganze Gepäck; aber das drückte ihn nicht; ihn drückte das Gefühl: sie überanstrengt sich. Freilich versicherte sie auf seine Fragen immer wieder lachenden Gesichts, sie fühle sich vollkommen wohl und frisch; aber das beruhigte ihn nicht; sie, die Wahrhaftigkeit selbst, konnte, wenn es ihm Beschwerden zu verbergen galt, lügen wie ein Dichter, das wußte er. Nach dreiviertel Stunden sahen sie Dächer. Ha, das Ziel! Als sie aber an das Dorf kamen, da hieß es ganz anders. Sie erfuhren, daß sie bis zu ihrem Ziel »nur« noch eine halbe Stunde zu gehen hätten. Er wollte sie überreden, in diesem allerdings wenig versprechenden Dorfe zu rasten; aber sie sagte: »Wenn ich jetzt sitze, steh' ich nicht wieder auf. Jetzt halten wir schon aus bis ans Ende.« So war sie. Wenn sie die Ausdrucksweise der Landbewohner besser gekannt hätten, hätten sie gewußt, daß diese immer nur halb mit der Sprache herauskommen. Nach einer halben Stunde sahen sie den ersehnten Ort aus der Ferne. Er vertrieb ihr und sich die Zeit mit einem anmutigen Spiel. Bei jedem fünften Schritt nickte er mit dem Kopfe, und dann fiel von seiner Stirn ein Schweißtropfen in den Sand. Eins, zwei, drei, vier, fünf – ein Tropfen; eins, zwei, drei, vier, fünf – ein Tropfen usw. Sie lachte, und so kamen sie endlich in den erstrebten Ort, in das erhoffte Wirtshaus, in die ersehnte schattige Stube und auf die in visionären Wüstenträumen erschaute Bank. So. Der Rest war Schweigen. Hier wollten sie den Rest ihrer Tage verbringen. Hier sollte man sie abholen, wenn man sie einmal begraben wollte.
Sie stützten den Kopf in beide Hände und starrten einander an wie zwei, die sich schon irgendwo einmal gesehen haben müssen. Der Kellner fragte, ob die Herrschaften etwas zu speisen beliebten.
»Trinken,« gurgelte er.
»Wasser,« sagte sie drei Minuten später.