Ach so! Die Schwester berichtete natürlich über die Kinder, und da regten sich Sehnsucht, Heimweh und Gewissen im Herzen dieser neuen Medea, dieser Doppel-Medea; denn sie hatte vier Kinder! Er sagte sich, daß er als Reisemarschall diesem Rückfall durch besondere Munterkeit und ein besonders hinreißendes Tagesprogramm begegnen müsse. Sie reichte ihm den Brief; er war zur Bestätigung der Angaben der Tante von sämtlichen Kindern »eigenhändig« unterzeichnet, auch vom zweijährigen.

»Fabelhaft begabtes Geschlecht!« rief er.

Aber die Kindesmörderin aus Vergnügungssucht reagierte nicht auf seinen Scherz; sie wandte sich ab und befaßte sich eingehend mit ihrem Schnupftuch. Und – o weh! – als sie wieder ins Freie traten, da weinte auch der Himmel über seine Kinder! Und ganz im Verhältnis ihrer Anzahl! Flucht ins Hotel – das war der einzige annehmbare Gedanke.

Da saßen sie nun am offenen Fenster und freuten sich am Regen und freuten sich, wenn die Bergkuppen aus den Wolken hervordrangen und wenn sie wieder verschwanden. Es gibt Menschen, die nur klare Bergspitzen und weite Fernsichten lieben. Und es gibt Menschen, die auch zu umwölkten Höhen mit ahnender Andacht hinaufschauen, die es lieben, wenn Berge mit Wolken ringen. Solcher Art waren sie. Stundenlang schauten sie hinein in das wogende Grau, das ihren Augen nichts weniger war denn ein Einerlei. Sie hatte leise ihre Hand in die seine gelegt; da mußte er daran denken, wie sie an jedem Abend seine Hand suchte, bevor sie entschlummerte. Er erhob sich, ging an den Tisch und begann zu schreiben. Nach einiger Zeit kam er mit einem Blatt zu ihr und sagte: »Ich hab' was.«

»Ja?!« rief sie leuchtenden Auges. Sie wußte, was er habe; sie schmiegte sich in seinen Arm, und er las:

Was Ortrun sprach

Gib wie immer deine liebe Hand,
Eh' ich eintret' in des Schlummers Land.
Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen,
Mit mir durch des Traumes Garten gehen.

Sieh', das ist das Süßeste vom Tag,
Daß ich deine Hand noch fassen mag,
Wenn des Tages Aengste von mir sinken
Und des Schlummers milde Schatten winken.

»Meine Zuflucht,« klingt in mir ein Wort,
»Meine Zuflucht,« klingt es immerfort.
Alle, die dich lieben, die dich hassen,
Endlich müssen sie dich mir nun lassen.

Deine Hand nur fühl' ich noch allein;
Alles andre mag verloren sein.
Ach, in mancher Nacht war mir's verliehen,
Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen: