Aus den Lippen noch ein Wort vom Tag –
Leise dann des Traumes Flügelschlag –:
Schon mit dir in schweigendem Umschlingen
Hört' ich ewig-stumme Sterne singen.

Und in fernen Himmeln noch empfand
Ich den leisen Druck der teuren Hand
Wie ein volles, heiliges Umfassen:
»Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.«

Soll mir deine Hand erhalten sein,
Tret' ich gern in jedes Dunkel ein;
Muß es doch nach allen Schrecken bringen
Einen Traum, in dem die Sterne singen. –

Er schwieg und fragte dann zärtlich: »Ist es so?«

»So ist es,« sagte sie leise, ihm voll in die Augen blickend. »Woher wißt ihr's nur, ihr Dichter, ihr Schrecklichen?«

Als er nun sah, daß er ihr Herz getroffen hatte, da ergriff ihn das Lyriker-Delirium. Der gewöhnliche, friedliche Bürger hat keine Vorstellung von dem Freudenwahnsinn, der den Menschen ergreift, wenn er meint, daß ihm ein Lied gelungen sei. Ein Lyriker mag mit Bühnenwerken die reichsten Lorbeeren errungen, er mag für seine Romane alles empfangen haben, was die Mitwelt zu geben vermag; er mag als Staatsmann ein Reich gegründet, als Feldherr ein Dutzend Schlachten gewonnen und als Erfinder einen vollkommenen Flugapparat erdacht haben – kein Triumph und kein Flugapparat wird ihn so hoch erheben wie der Gedanke: ein Lied, ein Lied ist mir gelungen. Ein Lied ist ihm das Köstlichste, was er vom Himmel empfangen, und das Köstlichste, was er an seine Mitmenschen weitergeben kann. Ein großer Lyriker war es, der eines Tages sagte: »Wenn mir ein Gedicht geglückt ist, kann ich mich vor Jubel nicht fassen; ich muß etwas haben, das ich umarme, und wenn ich keinen Menschen habe, so nehme ich einen Stuhl und press' ihn ans Herz.« Man sagt, daß die Frauen nach der Geburt eines Kindes ein Gefühl unendlichen Jubels und seligster Ermattung überkomme. Genau so ist es den Lyrikern nach der Entbindung; nur daß sie durch nichts in der Welt zu bewegen sein würden, still zu liegen wie die Frauen. Wenn unser junger Ehemann ein Gedicht vollendet hatte, dann tanzte der hohe Wöchner von einem Zimmer ins andere, vom untern Stockwerk ins obere und vom oberen wieder ins untere, küßte sein Weib und seine Kinder ab, tanzte mit ihnen Ringelreihen, um sie plötzlich loszulassen und wieder abzuküssen, holte die Flasche Wein aus dem Keller, wenn sie noch da war, machte an dem Turnreck zwanzigmal die Bauch- und die Rückenwelle, spielte durch Haus und Garten Haschen mit Weib und Kindern und schrie dabei wie in seinen blühendsten Flegeljahren, und wenn er ausgegangen war, kehrte er mit Geschenken für die Seinigen beladen wieder heim. Der Gedanke: »Ein Denkmal habe ich mir errichtet, dauernder denn Erz,« läßt keine ökonomischen Bedenken aufkommen; wer ein Gedicht gemacht hat, ist der reichste Mann des Weltalls, wenn er sich auch achtundvierzig Stunden später überzeugt, daß es mit dem neuen Gedicht verteufelt wenig auf sich habe.

Als die Tischglocke ertönte, sprangen sie Hand in Hand die Treppen hinunter, und da sie ihn noch immer strahlend anblickte, fragte er heimlich: »Also hat's dir gefallen?« Und als sie vielsagend eifrig nickte und ihm unter dem Tische die Hand drückte, daß es weh tat, da rief er:

»Na, dann, Kellner, eine ganze Flasche Markobrunner!« Am Notwendigsten sparte er nicht gern.

Der Kellner verneigte sich mit gütigem Lächeln und flüsterte dem Wirt ins Ohr: »Eine Markobrunner – für die Hochzeitsreisenden.«