Als der Wein eingeschenkt war, führte er sein Glas mit der Miene des Kenners an die Nase. Es war Markobrunner für Hochzeitsreisende; aber unser Freund schien von dem Resultat der Untersuchung äußerst befriedigt, und er sagte leuchtenden Auges:
»Herz, laß uns darauf trinken, daß es unsern Kindern einmal ebenso ergehe. Aber« – fügte er schnell hinzu – »es soll ihnen nicht in den Schoß fallen; sie sollen sich's erkämpfen wie wir; das ist das Köstlichste, was wir ihnen wünschen können.«
Dann brachte er ihr zu Ehren einen Damentoast aus; dann trank sie auf sein jüngstes Gedicht; dann tranken sie auf die Freunde, die »leider« nicht dabei sein könnten, und endlich rief er:
»Von der Quelle bis ans Meer
Mahlet manche Mühle;
Und das Wohl der ganzen Welt
Ist's, worauf ich ziele.«
Und dann sprangen sie anmutig beschwipst – es war ein kräftiger Markobrunner gewesen – wieder hinauf in ihr Zimmer und holten aus ihrem Gepäck ein Bändchen Goethe hervor.
Der Himmel schien noch heute bis auf den letzten Tropfen bezahlen zu wollen, was die Hitze der vorhergehenden Tage an Feuchtigkeiten kontrahiert hatte. Und seltsam: es war unsern Reisenden gar nicht mehr unlieb. Wenn zwei Liebende sechs Jahre lang von sehr lebendigen Kindern und sehr lebendigen Pflichten, Sorgen und Mühen umschwirrt gewesen sind und sich dann plötzlich in der Ferne, eingeregnet, in einem Hotelzimmer einander gegenüber finden, dann erwacht in ihnen ein seltsames, ein ungeahntes Gefühl, das Gefühl: Endlich allein! Eine Empfindung bemächtigt sich ihrer, daß ihre innersten Seelen seit langem eigentlich nicht miteinander gesprochen haben, daß sie sich viel und mancherlei zu sagen haben, von dem sie selbst nicht gewußt haben, daß es in ihnen sei. Während sie einander nahe gegenübersaßen, sie ihm gelegentlich sanft mit der Hand über die Stirn strich, er ihr gelegentlich zärtlich die schmale Hand streichelte und einer des andern Bild mit inniger forschendem Blick zu erfassen suchte, sprachen sie Ernstes und Fröhliches, Lautes und Leises, das in einsamen Stunden in ihnen erwacht und ihnen wohl auch auf die Lippen gekommen, dort aber vom schnellen Strom des täglichen Lebens hinweggeschwemmt worden war. Und als der Abend herannahte, da fanden sie, daß kein Tag ihrer Reise schöner gewesen sei als dieser »verlorene«. Und als sie wieder einmal gemeinsam in den Himmel schauten – da entfuhr ihnen gleichzeitig ein halblauter Freudenruf: im Westen blickte durch das Grau ein winzig Stücklein erhellten Himmels, wie ein verweintes Auge, das, noch unter Tränenschleiern, zum ersten Male wieder aufmerksam ins Leben starrt, noch nicht wünschend, noch weniger hoffend, nur erst wieder betrachtend mit kaum bewußter Teilnahme. Und das himmlische Auge ward größer und größer, klarer und klarer, heiterer und heiterer, und unser Paar schritt mit aufjauchzenden Herzen hinaus in eine wiedergeborene schöpfungsfrohe Natur.
Und diesen Abend machten sie einen Fund, der ihm köstlicher denn Gold und Perlen war. Sie fanden eine Wiese, an einem sanft abfallenden Hügelhang, von jungen und alten Bäumen umstanden. Ueber diese Wiese finden wir in seinem Tagebuche folgende Zeilen:
»Im Thüringer Wald ist eine Wiese, die alles zur Ruhe singt, was in dir an Sorgen und Bangen ist. Ja, sie singt; denn ihr Grün, ihre Schatten und ihre Lichter, ihre Bewegung und ihr Schweigen sind ein ununterbrochener seliger Gesang. In diesem Gesange sah ich goldene Stunden meiner Vergangenheit wandeln, die ich vergessen hatte, Stunden und Tage mit ihrem eigensten Gesicht, ihrem eigensten Ton und Gange. Am Rande, im Schatten der Bäume, sah ich die höchsten und heiligsten Gedanken meines Lebens ruhen, sah ihre Züge, ihre Augen im Glanze der Minute, da ich sie empfangen, verstanden und ans Herz gedrückt hatte. Und über den abendlich glimmenden Wipfeln der Bäume zogen selig schwebend dahin meine Hoffnungen, meine Ahnungen, die aus dieser Erdenenge hinaufstreben in eine größere Welt. Auf dieser Wiese grünt der Glaube; wer sie erschaut, der trinkt sich Glauben an die Heiligkeit der Welt für ewige Tage. Die Welt, die solche Augen hat, kann im Grunde ihrer Seele nicht lügen.
Ich sage nicht, wo diese Wiese liegt; denn sogleich würden Tausende kommen und rufen: »Wo ist das Besondere? Das können wir auch anderswo sehen!« O ihr Blinden! Nichts kann man auch anderswo sehen. Jedes Stück der Welt, das zwischen zwei Augenlidern Platz hat, ist ein Wesen wie ich und wie jedes von euch, mit eigener Seele und eigener Stimme, mit Zügen und Augen, die niemals wiederkehren. Und die doch, wenn sie vergangen sind, wie wir vergehen, ewig aufbewahrt bleiben im Weltall. Alles ist einzig, und alles ist ewig.