Und sie ergriff seine Rechte, zog sie an die Lippen und flüsterte mit ihrem schalkhaftesten Lächeln:
»Mein sparsamer Mann! Mein unverbesserlicher Geizhals! Mein Harpagon!«
Und so kamen sie nach Ilmenau. –
»Anmutig Tal, du immergrüner Hain,
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste!«
Schon dieser Anfang hatte ihm immer zu den Wundern der Kunst gehört. Mit zwei Worten erschließt ein Dichter ein heiteres Gefild, und mit einem einzigen Griff bringt er die Harfe des Waldes zum Klingen, und alles horcht auf und flüstert: »Still – still! Der da beginnt, das muß ein großer Meister sein!«
Und die Herzen voll dieses Klangs, durchschritten sie das anmutige Tal und stiegen den immergrünen Hain hinauf zu jener Höhe, wo der herrliche Wanderer sein Nachtlied an die Wand eines Bretterhäuschens geschrieben hatte. An Stelle des niedergebrannten Häuschens hat man dort, in nachgeahmter Dürftigkeit, ein neues »altes« Häuschen errichtet. Sie gingen nicht hinein; sie wollten es nicht sehen; sie wandten ihm den Rücken zu und schauten über das abendlich beglänzte Wipfelmeer in die Ferne. Keines sprach ein Wort; aber im stillen Herzen sprachen's wohl beide:
»Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.«
Einunddreißig Jahre war er alt gewesen, als sich dies Lied aus seiner Seele gelöst hatte, ein glückverwöhnter, blühender Mann, die Schöpfungsgewalt für eine neue Welt hinter der Stirn, die Flügelspannung eines emporschwebenden Adlers im Hirn und in der Brust. Groß war die Welt, groß und schön und berauschend süß. Aber vielleicht das Beste nach allem war die Ruhe.
Sie sprachen auch nur wenige, abgebrochene Worte, während sie zu Tale stiegen. Das Dunkel brach herein. Da legte er den Arm um ihre Hüfte und sprach: »Wie wird's uns sein, wenn wir nach Weimar kommen!«