Er maß mich von oben bis unten und dann von links nach rechts und sagte nichts, der unhöfliche Mensch.

Vor dem Diner im Speisewagen sagte ich mir logischerweise, daß es erst dann einen Sinn habe, mit der Kur zu beginnen, wenn alle Bedingungen dieser Kur gegeben seien, daß systemlose Halbheiten in solchem Falle sogar recht gefährlich werden können. Andrerseits war mir wohlbekannt, daß bei solchen Kuren ein möglichst großer Gegensatz zwischen heut und morgen nur zu empfehlen ist, weil nämlich der Körper auf solche schroffen Uebergänge mit einer beträchtlichen Gewichtsabnahme reagiert. Das Diner setzte sich für dieses Prinzip sehr günstig zusammen; es bestand aus Bouillon mit Klößen, Lachs mit Mayonnaise, Mastochsenbraten mit Makkaroni, Plumpudding und Butter und Käse. Um den Choc, den der Körper morgen erhalten sollte, zu verstärken, nahm ich dazu eine Flasche Bier, eine halbe Flasche Clicquot und zum Kaffee einen Benediktiner. Danach legte ich mich in meinem Abteil schlafen.

In Marienbad angelangt, begann ich meine Kur auf dem Bahnhofe. Zwar meinen Hauptkoffer überwies ich einem Träger; als dieser aber auch den nicht unbeträchtlichen Nebenkoffer an sich nehmen wollte, sagte ich triumphierend: »Nein, lieber Freund, jetzt wird selbst getragen,« nahm meinen Koffer und schritt hinaus. Die Fiaker vor dem Bahnhof machten mir ihre komfortabelsten Gesichter, nannten mich »Herr Baron« und, als mir das nicht zu genügen schien, »Herr Graf«; ich aber versetzte ohne allen Adelsstolz: »Nein, meine Herren, jetzt wird gegangen!«

Wenn ich einmal eine Sache angreife, so tu' ich's mit Energie.

Wenn ich gewußt hätte, daß der Bahnhof so weit vom Orte entfernt liege und daß meine Wohnung dann auch noch ganz am entgegengesetzten, nördlichsten Ende der Stadt gelegen sei und daß der Weg dahin nicht allzu sanft ansteige, so hätte ich vielleicht doch meinen Koffer dem Träger übergeben und wäre gefahren. Aber während ich schwitzte, erhob mich doch das Wonnegefühl: »Wenigstens fünf Pfund schaffst du dir durch diesen Leidensweg vom Leibe. Wenn du das drei- bis viermal gemacht hast, bist du dein Uebergewicht los. Allerdings« – dieser Gedanke erleuchtete mich blitzartig – »das hättest du auch zu Hause haben können.«

Meine Wohnung lag im dritten Stock. Für die Zumutung, den Fahrstuhl zu benutzen, hatte ich nur eine kurze, abweisende Handbewegung. Das Zimmer kostete wöchentlich fünfzig Kronen einschließlich Tag- und Nachtgeschirr. Alles andere mußte extra bezahlt werden.

Sobald ich mich einigermaßen eingerichtet und umgekleidet hatte, eilte ich, mich wägen zu lassen. Ich fühlte mich so leicht nach meiner Kofferträgerarbeit!

In Marienbad hat jedes zweite Haus eine allein richtige Wage. Man setzt sich in einen bequemen Stuhl und läßt seine Schwerkraft walten; dann zeigt die Wage nicht nur das Gewicht an, sie druckt es auch gleich auf einen kleinen Zettel. Da stand: 94,8 Kilo.