Die Hosentaschen des Erasmus

Erasmus ist nämlich mein Sohn. Ich schicke voraus, daß er gesund und normal gestaltet ist. Aber in bekleidetem Zustande zeigt er von Zeit zu Zeit an den Oberschenkeln unförmliche, bedrohlich anwachsende Wülste. Wenn diese eine gewisse Ausdehnung erreicht haben, pflegt meine Frau sehr vergnügt zu mir hereinzukommen und zu sagen: »Du, wir müssen mal wieder seine Hosentaschen ausräumen; es hat sich schon wieder ein ganzes Museum darin angesammelt!«

Ich darf voraussetzen, daß meinen Lesern die Hosentaschenzustände eines achtjährigen Buben im allgemeinen bekannt sind. Es gibt eigentlich kaum einen beweglichen Gegenstand, der sich nicht ganz gut in solch einer Tasche unterbringen ließe, und es gibt auch schwerlich einen Gegenstand, der nicht das Interesse solch eines verschwiegenen kleinen Weltbetrachters anregte. Nun muß man sich außerdem den jungen Herrn Erasmus als einen entschiedenen Sanguiniker vorstellen, der mit Hilfe seiner Phantasie an das Bruchstück eines Korkziehers die verwegensten Hoffnungen knüpft.

Da uns bei den bisherigen Untersuchungen manches dunkel blieb und wir manchen Gegenstand nicht zu bestimmen vermochten, haben wir diesmal den geehrten Hosenbesitzer selbst zur Besichtigung mit herangezogen. Meine Frau hat das Kleidungsstück auf dem Schoße; für die Vertreter der öffentlichen Moral bemerke ich, daß der Knabe währenddessen mit einer anderen Hose bekleidet ist.

Was meine Frau zunächst aus der Tasche hervorzieht, ist Bindfaden. Ich darf ebenfalls als bekannt voraussetzen, daß dieser Gegenstand sich bei der männlichen Jugend einer besonderen Beliebtheit erfreut und alle übrigen Objekte, die aus solch einer Tasche ans Licht gefördert werden, in einer mehr oder minder interessanten Verwickelung mit jenem Gegenstande zu erscheinen pflegen. An der Hand des Bindfadens – um mich gewählt auszudrücken – gelangen wir sodann zu einem stark verrosteten, ovalen Blechschildchen, das die Inschrift »Patent« trägt. Das ist schon gleich ein wertvolles Stück. Ich weiß das. Ich habe den Maßstab für dergleichen noch ziemlich gut im Gedächtnis. Ich kann den Maßstab natürlich nicht so genau bestimmen; es handelt sich eben um Liebhaberwerte.

»Was heißt denn das: ›Patent‹?« frage ich.

»Wenn einer sich so fein angezogen hat.«