Nun hatt' ich gesehen, daß es noch eine Welt gab jenseits unseres Dorfes. Mehr noch gefühlt als gesehen! Mein inneres Leben hatte ein Jenseits bekommen, eine nebelblaue Weite, in der meine Träume tanzen konnten. Von jenem Tag an gab es in meiner Seele Heimat und Fremde. Wir waren weit, weit gegangen, wenigstens für meine kurzen Kinderbeinchen, und zum erstenmal fühlt' ich den geheimnisvollen Zauber, den Ueberwindung des Raumes und Wechsel der Umgebung mit sich bringen. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so ist: aber für mich hat die Ueberwindung großer Entfernungen, wie sie z. B. die Dampfkraft ermöglicht, etwas Anziehend-Unheimliches. So ein Handlungsreisender – ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich irre, und es gibt ja gewiß auch andere – spielt heute abend seinen Skat in Leipzig und morgen abend in Berlin, und wenn er beide Male gleiche Karten hat, ist es ihm ganz einerlei. Hab ich recht? Nun ja, es kann auch wohl nicht anders sein. Aber ich sage mir in solchem Falle gedankenvoll: »Gestern in München – und heute in Posen!« Und darin liegt dann so ein übermenschlicher Schicksalsklang wie etwa in den Worten: »Heute rot – morgen tot.« Es genügen schon die Bahnhöfe solcher zwei Endpunkte, um Schauer der Raumüberwindung in mir zu erwecken. Es mag wohl daher kommen, daß alle Dinge für mich Gesichter haben, seien es auch nur Steinwände, eiserne Träger oder bestaubte Fensterscheiben, keine Menschengesichter, sondern solche Gesichter, wie sie Steinwände, eiserne Träger und bestaubte Fensterscheiben eben haben …
Und dann kamen alle die Pfingstfeste, da ich in der Nacht vor der Ausgießung des heiligen Geistes mit meiner Mutter bis zwei Uhr, bis drei Uhr bei der Lampe saß und seligen Blickes zusah, wie sie aus dem vergangenen Pfingststaat des Vaters den neuen Pfingststaat des Sohnes erstehen ließ. Ich sehe noch, wie auf den treuen, nimmermüden Händen der gelbe Lampenschimmer lag, ein Schimmer, der mir dann vor den stillen Augen zum gelben Sonnenschein auf Wald und Wiesenpfaden ward. Das schönste von allem Glück sind die geweihten Stunden der Erwartung, besonders die schweigend bewegten Nachtstunden, nach denen die Licht- und Klangfanfaren eines großen Morgens kommen sollen.
In solchen Nächten braucht man keinen Schlaf. Leg dich mit der Erwartung von Leiden nieder, und aus dem längsten und schwersten Schlaf erwachst du ohne Erquickung; wiegt sich aber dein Herz auf Flügeln fröhlicher Hoffnung, so nippst du wie ein Vogel einen einzigen Tropfen aus dem Wasser der Träume und fliegst gestärkt in den Morgen hinaus.
Ja, mit starken Beinen marschierten wir in allererster Frühe des Morgens hinaus. Die Tradition verlangte das: erste, keuscheste Herrgottsfrühe. »Herrgottsfrühe« – welch ein wunderbares Wort das ist! Alle Menschen schlafen noch; selbst die Vögel hocken noch im Nest; nur der Herrgott und du sind schon wach, und du fragst ganz unbefangen hinauf: »Wie wird's denn heut' werden?« denn er hat noch Zeit, ein Wort an dich allein zu wenden. Und leichte Sommerkleider verlangte die Tradition, bei den Mädeln sogar helle Kleider, wenn es auch sanft und hartnäckig regnete und der Regen nur selten unterbrochen ward durch ein wenig Schnee. Was Faust vom Ostermorgen sagt, mag ja im sechzehnten Jahrhundert richtig gewesen sein, heutzutage stimmt es nicht mehr, wenigstens nicht in Norddeutschland. Am Osterfeste macht man Schlittenpartien, freut sich aber, wenn man wieder beim Ofen sitzen und Grog trinken darf. Pfingsten ist das Fest, da die Menschen aus ihren steinernen Gräbern auferstehen, um Licht zu trinken. Und solch ein Fest verregnen lassen (womöglich noch mit Schnee dazwischen), das kann nur der Teufel tun; denn ein Herrgott bringt dergleichen einfach nicht übers Herz. Pfingsten im strömenden Regen beginnen und verrinnen sehen, das war so, wie wenn unser bester Freund uns meuchlings einen Dolchstich versetzt; man stand am Fenster und sprach in sich hinein:
»Das war kein Heldenstück, Oktavio!«
Ich zog meine Eltern so oft ans Fenster und wiederholte so oft die Behauptung, es beginne jetzt im Westen »aufzuklaren«, daß sie bald ganz meiner Meinung wurden und die günstigsten Prognosen stellten. Auf das Wetter hatte das freilich keinen Einfluß. Und es rührt mich noch heute ganz seltsam, wenn ich Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern in dünnen, weißen Pfingstgewändern, die melancholisch am Leibe herunterhängen, unter dem Regen fröstelnd dahinschleichen sehe. Wer sich aus jedem Tage einen Sonntag machen kann, der hat gut mit überlegenem Spotte zu lächeln: »Warum heben diese Leute sich ihren Staat und ihr Vergnügen nicht auf für einen späteren Tag? Ein Sonntag ist doch wie der andere!«
Ganz recht: ein Sonntag ist wie der andere; aber keiner ist wie der Pfingstsonntag. Am Pfingstsonntag ist in diesen Leuten das Maß der Frühlingssehnsucht voll, und es muß überströmen.
Ja, Sommerkleider mußten es sein und Strohhüte, und in der Flasche mußte Himbeeressig sein – für unerfahrene Zungen ein köstlicher Trank – und in der »Botanisier«-Dose ein Frühstück mit Schinken, Eiern oder noch selteneren Dingen. Ich gebe gern zu – ich seh' nicht ein, warum ich mich genieren soll –, daß meine Seligkeit ein inniges Gemisch war von Schönheitsfreude und Schinkenhoffnung; aber ich bestreite auf das entschiedenste, daß sie nur aus letzterer bestanden habe, wie bei einigen meiner Kameraden. O nein, ich sah wohl die festliche Schönheit der breiten Wiesen, auf denen behende Burschen nach schlanken, tanzenden Mädchen haschten; ich blickte wohl mit heimlichem Entzücken seitwärts in grüne, heilig-dunkle Säulengänge, wo die Amseln furcht- und harmlos über den Weg liefen; ich sah wohl die Schönheit auf den Gesichtern, wenn dem blinden Geiger ein Groschen in den Hut fiel; ich bemerkte wohl, daß die weißen Segel auf dem Fluß so stillächelnd dahintändelten, als ergingen sie sich ziel- und wunschlos auf den Fluten der ewigen Seligkeit, und ich sah wohl, wie die Birke ihr langes Haar übers Gesicht fallen ließ, daß die Gräser damit spielten, und wie sie sich immer wieder neigte und sich immer wieder neigte und immer wieder, mit zärtlicher Geduld, wie eine junge Mutter. Und wenn ich damals gewußt hätte, daß das das Glück sei, was um die flüsternden Zweige flimmert und über den wandernden Strömen schimmert – wenn ich das geahnt hätte …!
Kann es euch wundern, daß gerade am Pfingstfest die Wandersehnsucht in mir aufstand, unbarmherzig, stark, wild, rauh, und dann mit einem Mal das ganze Innere mit lieblicher Glut erfüllend?