Daß ich mit einem Mal an einen kleinen Steg über einen Arm des grünen Dürrensees denken mußte, an ein paar Brettlein, von denen aus man eine andere Welt erblickt? Denn diese ungeheure, schweigende Runde wildauftrotzender Felsen gehört unmöglich zu der Welt, die wir kennen und in der wir leben. Dies Tal der ewigen Ruhe ist von der Welt des Strebens geschieden durch ewige Felsen. Hier trank ich bei lebendigem Leib die Wollust des Sterbens. Du stehst und starrst – und fühlst, wie unter dir das Tägliche versinkt; immer noch tiefer versinkt es, immer noch tiefer. Und starrend versinkst du selbst in unergründliche Tiefen der Seeleneinsamkeit. Du hast nicht Freund, nicht Weib, nicht Kind mehr; dein Leben ist ausgelöscht; du bist der letzte Mensch unter den furchtbaren Schauern steiniger Oede.

Und wie dein Blick noch starrend hängt am ragenden Geklüft, da steht mit einem Mal auf schimmerndem Grat eine ferne Erinnerung in rosigem Gewande und blickt dir gerad' ins Aug'. Habt ihr's gesehen, daß auf den höchsten Höhen Erinnerungen wohnen? Daß sie auf leuchtenden Zinnen stehen, über den schneeschimmernden Grat wandeln, an grauen, drohenden Abgründen hangen?

Ueber einem gebietenden Gipfel leuchtete mir die Erinnerung auf an den Tag, da ich, ein achtjähriger Bube, durch die blendend illuminierten Straßen meiner Heimatstadt geführt wurde und von allen Lippen das Wort klang: Der Friede ist geschlossen.

Jenen sanften Abhang herab kam die Erinnerung, wie ich, ein Jüngling, fast noch ein Knabe, durch abendlich-goldene Felder ging, des Francis Bacon scharfes »Organon« in der Tasche, die Leiden des jungen Werther aber im Herzen und im Kopfe.

Ueber jenen Sattel aber mußte im nächsten Augenblick Hand in Hand der liebliche Reigen jener Stunden heraufkommen, da ich mit Ortrun am Strande saß und sie mir ihre Blumen ins Gesicht warf, weil sie zu schüchtern war, sie mir in die Hand zu geben.

So taust du allmählich wieder auf von Erstarrung und Tod und liesest in dem Gezack der Höhen und Abgründe die Linien eines Menschenlebens: Du hebst endlich wieder den Stab zu neuem Wandern, und mit dir wandern droben auf den Bergen die wilden, grauen Stunden deiner Kämpfe und alle sanften Tage deiner Liebe. –

Und kann es euch wundern, daß ich Pfingsten auch an Cenzi denken mußte, an Cenzi von Mayrhofen im Zillertal, deren Licht uns gastlich entgegenleuchtete, als wir drei Wandergesellen abends nach zweistündigem Marsch im Regen nach diesem Dorfe gelangten, weich bis ins Gemüt? An Cenzi, das Mädchen mit der revolutionären Orthographie und dem reichen Gemüt, das uns mit einer durchaus flüssigen Suppe und einem sehr reservierten Kalbsbraten erquickte und auf unseren einstimmigen Liebesschwur erklärte, daß sie unsere Gefühle erwidere, alles für einen Gulden siebzig? Freilich kann ich noch heute den nagenden Zweifel nicht los werden, ob Cenzi unsere Gulden nicht noch inniger liebte als uns: denn wenn wir noch dabei waren, das Letzte aus der Flasche ins Glas zu gießen, so fragte sie schon mit Leidenschaft: »Mögen S' noch ane?« und wenn wir dann mit Gefühl erwiderten: »Ja, bringen S' noch eine Viertel«, dann sprach sie: »Mögen S' net a Halbe?« Eine so naive, quellfrische Guldensehnsucht findet man nur noch bei den unverfälschten Kindern des Gebirges.

Oder nimmt es euch wunder, daß ich an Monika dachte, an Monika vom Mahlknechtsjoch, die in jeder Beziehung runde Monika mit den runden Augen, die über alles lachte? Wenn man sagte: »Monika, bestellen Sie mir eine Droschke!«, so lachte Monika, das Merkwürdige aber war, wenn man sagte: »Monika, bringen Sie mir einen Kaiserschmarren!«, so lachte sie auch. Am meisten aber lachte sie, als einer von uns den Lehrsatz aufstellte: »'n bißchen dumm ist jeder.« Die Sache ist ja auch komisch. Und dann brachte sie einen niemals ganz zu bewältigenden Kaiserschmarren und eine Erbsensuppe, die so unendlich war wie ihre Fröhlichkeit, und alles stellte sie uns hin mit so mütterlicher Freundlichkeit, als wären wir ihre drei jüngsten Buben, die sie einmal gründlich durchfüttern müsse.

Oder daß ich an Mali dachte in der Dominikushütten, die mordssaubere, blitzäugige Mali, die so freundlich und so betulich war und dann zu dem Buben auf dem Hof, als sie nicht wußte, daß jemand auf dem Altane stand und sie hörte, die eindringlichen und hochtonigen Worte sprach: »Willst glei die Ziegen in Ruh lass'n, du sakrischer Lauskerl, malefizlischer!« Sie sprach das in einer Weise, die den Gedanken an eine eheliche Verbindung in das Innerste der Brust selbst eines geübten Ritters St. Georg zurückgescheucht hätte. Oder an den Aufstieg zum Pfitscher Joch, am Stampflerferner vorbei und an den kleinen dunklen Seen, die wie schwarze Augen regungslos in den Himmel starren? Oder an den Abstieg in das menschenarme, melancholische Pfitschtal, wo ich, als wir nahe vor St. Jakob angekommen waren, immer wieder zurückschauen mußte nach einer Kirche, über der ein himmlisches Licht entzündet war? Ihr müßt dem Wort »himmlisch« erst alle die Bedeutungen ausziehen, die unsere kleinen Mädchen ihm aufhängen, wenn sie von »himmlischen« Tüllgardinen oder von »himmlischen« Zeichenlehrern sprechen. Nehmt einmal bitte das Wort »himmlisch« in seiner reinsten Ursprünglichkeit und denkt euch ein allerreinstes Licht! Ueber dem Kirchlein lag ein Gletscher im hellsten Mittagssonnenschein, und der Turm wies mitten in den Glanz. Es war ein alleinseligmachendes Kirchlein; wer hindurchging, der mußte unmittelbar ins ewige Licht gelangen, und selbst der schwärzeste Bösewicht, wenn er in den Bannkreis dieses Leuchtens trat, mußte sogleich erstrahlen wie der weißeste Engel.