Ach, leider ist dieses himmlische Licht ein Trug; in den Köpfen der Menschen fanden wir nichts davon. Welch ein psychologisches Raffinement, welche Kunst der Mitteilung gehörte dazu, um wieder auf den richtigen Pfad zu gelangen, den wir im strömenden Regen verloren hatten, und endlich einen Wagen zu bekommen, der uns in diesem Regen nach Sterzing brachte. Die Fahrt dauerte drei Stunden, von denen wir nach ungefährer Schätzung eine auf unseren Sitzen und nur zwei in der Luft verbrachten. Wir waren vorurteilslos genug, über jeden Stoß zu lachen, wenn unser Lachen nur nicht regelmäßig durch den nächsten Stoß abgebrochen worden wäre. Gleichwohl war unsere Stimmung die ausgelassenste Heiterkeit, wenn wir auch dazwischen mitunter den stillen Gedanken hatten, daß unser Wägelchen im nächsten Augenblick in tausend Splitter zerschmettert werden oder mit Insassen und Pferden in den Abgrund hinunterkollern würde, wo der durch den langen Regen übermäßig geschwellte Pfitschbach mit Donnern und Brausen abwärts stürzte. Der Kutscher stieß ein »Jesus Maria!« über das andere aus. Es war eine jener Situationen, die man, wenn man einmal darin ist, mit lächelndem »Mannesmut« hinnimmt, deren Wiederholung man aber künftig nach Möglichkeit zu vermeiden im stillen beschließt. Der niedlichste von allen Humoren war aber, daß wir schließlich noch auf eine lange Strecke aussteigen mußten und nun zu Vieren den an allen Rädern gebremsten Wagen zurückhielten, damit er den Pferden nicht auf die Hacken falle und hübsch auf dem Weg bleibe. Es war noch ein wahres Glück, daß wenigstens der Regen anhielt. Wir hatten für solche Perioden der Trübsal einen Fundamentalsatz der Berliner Philosophie, den wir uns dann gegenseitig ins Herz prägten; er hieß: »Det is jrade wat Scheenes!« Solche Sätze sind viel wert. Es ist damit wie mit den Salmiak-Pastillen; eigentlich sind sie scheußlich; aber man hat wenigstens etwas in den Mund zu nehmen und in langen Stunden eine Unterhaltung.
Und schließlich kamen wir doch nach Sterzing in ein hübsches, blitzeblankes Hotel, und wer mir jetzt noch ein Wort auf die Kultur schimpft, der hat's mit mir zu tun.
Für die Natur braucht man nicht einzutreten, die verteidigt sich selbst.
Die redet aller Sprachen Sprache, die aller Menschen Muttersprache ist. Ihre Sprache klingt in Bergen und Tälern, aus Wäldern und Strömen. Und was mir das Gebirge Unaussprechliches vertraut hat: in wenigen Wochen geh' ich und sag' es mit stummen Lippen seiner geheimnisvollen Schwester, dem Meer, dem tausendstimmigen und millionenäugigen, dem herrlichen, dem – o, dem – dem –
Kusch!!!
Der süße Willy
Es war an einem Sonntag; denn der süße Willy sollte ein Sonntagskind werden. Der welthistorische Moment seiner Geburt war auf eine Minute vor zwölf Uhr mittags festgesetzt. Aber schon seit acht Uhr morgens waren im Schlafraum der Mutter außer der Hebamme, der Wärterin und der Amme sieben zukünftige Tanten und Cousinen gegenwärtig. Eine angeregte Unterhaltung und Pralinés sind für Wöchnerinnen im Augenblick ihrer Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähntem, nicht genug zu empfehlendem Konfekt schoben abwechselnd Tante Bella und Tante Julchen der Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in den Mund. Tante Minka hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren entzückenden Molly, einen seidenweich behaarten Choleriker, mitzubringen, der der Gebärenden beruhigende Laute zubellte oder fein langgezogenes Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte. Tante Elvira dagegen, ein Fräulein von siebenundfünfzig, welcher nach unerforschlichem Ratschluß der Kindersegen versagt geblieben war, wiegte auf ihren Händen ein für den süßen Willy bestimmtes Puppenkerlchen, das, wenn man ihm nur geneigtest auf den Bauch drücken wollte, zwei Becken zusammenschlug und in anerkennenswerter Weise quietschte. Diese vier achtbaren Damen nahmen den Platz am Bette ein, der von Rechts wegen der Wehmutter und der Wärterin gebührte, den sie aber behaupteten in der richtigen Erkenntnis, daß die Nähe von Verwandten immer etwas Beruhigendes habe für »Frauen in solchen Umständen«.