Das Gesicht des Herrn Helmerding schien jetzt plötzlich nur aus einer Mundöffnung zu bestehen.

Nur dem Umstande, daß der Vorsteher Herrn Helmerding schon vorher darauf aufmerksam gemacht hatte, jener Herr, der Lehrer Willys, sei ein sehr empfindlicher Charakter, der Benennungen wie »bestialischer Folterknecht« nicht gern höre, auch lasse seine Entschlossenheit nichts zu wünschen übrig, nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß Herr Helmerding, als er zur Tür hinausrannte, sich auf die wiederholte Versicherung: »Er werde ihnen schon zeigen! Er werde ihnen schon zeigen!« beschränkte, wobei er die Zurückbleibenden in quälendem Zweifel darüber zurückließ, was er ihnen zeigen werde.

Kaum hatte Herr Helmerding daheim zu Ende berichtet, als auch schon seine Gattin wie inspiriert vom Sessel emporfuhr. Anspannen lassen – mit dem Kinde zum Arzt fahren. Es war nun einmal die Botschaft zu ihr gedrungen, daß wir im humansten aller Zeitalter leben.

Nach einer halbstündigen Untersuchung erklärte der Arzt (es war nicht der ironische Herr von damals, dem man in dieser Sache entschieden kein Vertrauen schenken konnte) mit triumphierender Miene, es sei ihm soeben gelungen, festzustellen, daß der in Betracht kommende Körperteil Willys noch Spuren der Züchtigung zeige oder doch noch bis vor kurzem gezeigt haben müsse. Der Lehrer sei »geliefert«, unrettbar »geliefert«. Das Recht der Züchtigung stehe ihm ja zu; diese dürfe aber nach der Ansicht aller ihm bekannten Staatsanwälte, Richter und Disziplinarbehörden nie so weit gehen, daß mit ihr eine, wenn auch nur momentane, Störung im Wohlbefinden des Bestraften verbunden wäre.

Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis der Frau Helmerding eine verlockende Perspektive, dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch keine neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat werden. Zum Glück gab es im Orte noch eine Privatschule, die sich den anderwärts Ausgestoßenen mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn bei den Eltern auf ein entsprechendes Maß von Hingebung und Opferwilligkeit gerechnet werden durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen, anekdotenumwobenen Instituten, deren sich ehemalige Schüler noch nach vielen Dezennien in Stunden der höchsten Heiterkeit entsinnen, und die dem schnöden, prosaischen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum Opfer fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten Bildungstempels waren von solchen Dimensionen, daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre. Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen Ansprüchen wohl genügen, wenn die Frau Direktorin ihn nicht zum Trocknen von Kinderwäsche brauchte. Die Zeichenmodelle mußten stets um einige Tische von dem Schüler entfernt aufgestellt werden; sehr erklärlich deshalb, daß so durch Versehen oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines der vorhandenen Modelle mit Sicherheit zu schließen gestatteten. Uebrigens wurde der Turnunterricht, da an Geräten nur eine Reckstange ohne Reck vorhanden war, in der Regel nicht hier, sondern auf dem Stundenplan erteilt. Das Prinzip der Anschauung, auf dem bekanntlich die ganze neue Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Raffinement verfolgt. Dem geographischen Unterricht dienten nicht weniger als zwei Wandkarten. Auf der einen, die Europa darstellen sollte, erfreute sich Oesterreich noch der Lombardei, obwohl das schnellebige Jahrhundert schon weit über die Abtretung Elsaß-Lothringens hinaus war; die andere, ein Bild Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe die rätselvolle Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit Bezug auf das afrikanische Innere einen Grad der Unerforschtheit, der jeden Kongoneger mit den wehmütigsten Reminiszenzen erfüllen mußte. Um den physikalischen Unterricht machte sich eine betagte Luftpumpe verdient, die aus sämtlichen Ventilen seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit besaß und die Schüler auf diesem Wege überzeugen konnte, der Rezipient sitze nach viertelstündigem Pumpen wirklich fester als vordem. Aeußerte dennoch ein modern-pietätloser Schüler einen naseweisen Zweifel, so wurde er mit gebührender Entrüstung zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte Tradition, daß die Magnetnadel unter der Einwirkung des elektrischen Stromes nur dann von ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu rechter Zeit energisch an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit wegen müssen wir noch des Naturhistorischen Museums gedenken, das jahraus, jahrein auf einem Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der ausgestopften Wildschweine gehörte und, wenn es nicht gerade seine wissenschaftliche Mission zu erfüllen hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken Ohr trug und aus einem Kalkstummel rauchte.

Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt den hohen Ansprüchen Willys nicht genügt haben, wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So mußte er wohl oder übel seine Studien in diesen Mauern absolvieren. Uebrigens wurde sein Schulbesuch durch häufige und andauernde Krankheiten unterbrochen, die alle in dem Symptom übereinstimmten, daß sie sein Wohlbefinden nicht beeinträchtigten.

Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der Schule entlassen und in das feindliche Leben hinausstoßen, haben wir den Bericht über seinen gesellschaftlichen Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich, daß, während er jede wissenschaftliche Ausbildung ablehnte, er seine weltmännische Erziehung nicht vernachlässigte. Das eine tun und das andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon mit vierzehn Jahren konnte er auf drei tadellos angerauchte Meerschaum-Zigarrenspitzen zurückblicken. Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm nicht schwer, in jeder Bierkneipe eine seinen Jahren entsprechende Anzahl von Seideln zu erhalten. Den nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung des fünfzehnten Seidels empfindet, bekämpfte Willy mit Selbstverleugnung, wenn auch sein Gesicht eine interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn Jahren belächelte er seiner Genossen Klagen über die Schrecken des Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen. Als seine Eltern es eines Abends wagten, ihm wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu machen, ergriff er das unter diesen Umständen einzig richtige und jungen Leuten in seiner Lage nicht dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich wie entschieden abzulehnen: er kam die nächste Nacht überhaupt nicht nach Hause. Wer will das elterliche Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig darob sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im Kleiderschrank zu Bette ging; wer will die Zärtlichkeit der Eltern verklagen, wenn sie in Demut schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen schnarchte? Natürlich war ein Elternpaar wie dieses diskret genug, nie wieder ein Thema zu berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings verletzen mußte. Zeitigte doch auch seine Entwicklung auf anderen Gebieten die anmutigsten Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den Lancier zu tanzen, die man auf dem feinsten Pariser Kokottenball als très-chic bezeichnet haben würde. Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen zu sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene graziöse Beugung des auf der Fußspitze ruhenden linken Beines, dieses nicht minder graziöse Heben der letzten Finger der rechten Hand, diese stark akzentuierende Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten Muskeln, die zur Verlängerung des Rückens dienen: das alles erschien in einer Vollendung, wie sie nur eine täglich fünfstündige Uebung erzielt. Diese Uebungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft von fünf oder sechs Altersgenossen unter der künstlerischen Leitung eines Billardkellners, der einen Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen unterhielt. Dieser vielerfahrene Mann, der seinen jungen Freunden gegen gutes Trinkgeld mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten für die reifste Jugend erzählte, war unbegreiflicherweise der einzige im Restaurant, der auf ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs jungen Leute nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf Witze zu machen, und sie mit einem Stimmaufwande zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den Gesichtern der Anwesenden, die nach jedem Bonmot sorgfältig studiert wurden, nicht die leiseste Spur von Beifall. Ja, es kam sogar vor, daß einzelne Gäste mit unverhohlenem Aerger ihr Bier austranken, das Seidel mit Betonung auf den Tisch setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz-Reuter-Gesicht sie eines Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit fragte, ob sie denn nicht lieber Marmel spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei allen anderen Gästen entfesselte: das war entschieden mehr, als man sich bieten lassen konnte. Es kam zu einem sehr heftigen Auftritt, bei dem der schändlich undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen Freunde unter Anwendung der unverschämtesten Redensarten, wie »grüne Jungen« usw., nach der Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand, eine Fensterscheibe zu demolieren. Diese Heldentat brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen und ein polizeiliches Strafmandat ein. Papa Helmerding bezahlte die ganze Lumperei mit Stolz und Rührung und einem Kassenschein aus der Westentasche.

Charakterisierte jene Tat die herbe Männlichkeit des jungen Willy, so gaben seine frühen Beziehungen zum zarten Geschlechte die köstlichsten Proben von der Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen hatte? »Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden nicht fünfundneunzig Prozent unserer Mädchen dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und Willy sie entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden süßen Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen nicht kunstbegeistert am Droschkenschlag, wenn der jugendliche Held und Liebhaber einsteigt, und werfen sie ihm nicht während des Monologs »Sein oder nicht sein« einen großen Blumenstrauß gegen den Bauch, wofern er hübsch ist? Mit einer Frühreife, die den Byronschen Don Juan mit giftigem Neide erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre die leise Regung, daß man die Frauen nicht in den Rücken puffen, vielmehr ihnen zart entgegenkommen soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen möglichst oft und zart entgegenzukommen und vor ihr mit den Manieren eines eben vollendeten Gentleman in absolut wagerechter Richtung den Hut zu ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz war empfänglich für solche Freundlichkeiten und durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen- und Jungfrauenspiegel leistete ihr und ihrer Mutter die wesentlichsten Dienste beim Erziehungsgeschäfte. Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der Schulstunden, die sie in bescheidener Zurückgezogenheit auf dem letzten Klassenplatze verlebte. Ihre beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen, und ein duftiger Spitzenparasol kreiste über dem modernsten Sommerhütchen. Sehr bald entdeckte Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der Schule die Büchermappe abnehme. Schon beim zweiten Male begleitete er diese Galanterie mit der Ueberreichung einer kostbaren Bonbonniere, die der Westentasche seines Vaters fünf Mark kostete. Solange sein Vater Geld hatte, hatte es Willy auch. Jene Präliminarien würden nun zweifellos zu einem abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn nicht ein unfreundliches Schicksal trennend zwischen Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy an Mimi gerichtetes Billetdoux, in dem Grammatik, Orthographie und Kalligraphie in schöner Vereinigung fehlten, geriet in die Hände des Ehepaares Petersen, und dieses inhibierte einen weiteren Verkehr, da es fest entschlossen war, seine Tochter in dieser Beziehung streng sittlich zu erziehen. Aber schon drei Tage später gaben Buchdrucker Löhmanns von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack, Lack und Claque und Trüffeln und Pommery und Chartreuse, und Willy tröstete sich durch eine neue entente cordiale. Natürlich machte er innerhalb der vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite« – Kavalier verabsäumt dergleichen nie. Zu Hause hatte er freilich zu Frau Helmerdings tiefster Indignation erzählt, bei der Gesellschaft sei einer gewesen, der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«, die guten Löhmanns lüden sich überhaupt Krethi und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch einen Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre ein von ihm und mehreren Busenfreunden geführtes Gespräch erhalten, das durch seine kindliche Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als Willy eines Abends wie gewöhnlich in der Nähe seines Hauses, von einer stattlichen Korona mitfühlender Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune saß, die zierlichen blauen Ringe einer Havanna in die Abendluft blies und die des Weges kommenden zehn- bis sechzehnjährigen Beautés Revue passieren ließ.

»Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte Liebe!«

»Ach, die, – na – das war einmal,« warf Willy hin, mit unaussprechlicher Nonchalance die Asche von seiner Regalia knipsend.