Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte und bewundernswürdigste Tat kindlicher Pietät gepriesen und in unsterblichen Romanen verherrlicht worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit staunenswerter Fassung und Selbstüberwindung entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner Eltern seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte, die von den Berliner Vergnügungen mindestens die Mittel zur Rückreise erübrigt hatte, zeigte bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der seinigen zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten ein und war entsagungsvoll genug, ihr Glück für immer zu Grabe zu tragen und sich mit den Begräbniskosten zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll gab sie dabei zu erkennen, daß ein kleines Opfer das lebhafte Gefühl der Helmerdings, ihr genug tun zu müssen, nicht auf die Dauer befriedigen könne. Willy aber gab in einer großen und edlen Wallung seinem Vater das reuige Versprechen, in Zukunft in allen ähnlichen Affären vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding seinem Sohne in einer Poloniusszene klargemacht hatte, daß man ganz dieselben Ziele mit weniger Kosten erreichen könne.

Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam allgemach die Zeit heran, da Willy seine unschätzbaren Dienste dem Vaterlande weihen sollte. Leider hatte das dazu in erster Linie nötige Requisit der Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft werden können. Selbst die »Presse« des Dr. Ritsching, eine Unterrichtsanstalt, die in einem halben Jahre eine ganze einjährige Intelligenz produzierte, hatte auf Willy nur einen unter der Schädeldecke fühlbaren dumpfen Druck ausgeübt, ohne daß der Verstand auf diesen Druck reagiert hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy nach Absolvierung des schriftlichen Examens nicht ungünstig; denn seine stilistischen und seine Uebersetzungsarbeiten hatten die Prüfungskommission in jene gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der die nachsichtige Milde so nahe liegt. Ja, gleich zu Beginn der mündlichen Prüfung, von der man auf inständige Verwendung des alten Helmerding nicht abgesehen hatte, betrachteten sich die Herren diesen jungen Mann, wie es schien, mit einem ganz besonderen, heiteren Wohlwollen. Indessen traten im Verlaufe der Prüfung die körperlichen Vorzüge Willys so entschieden gegen seine geistigen in den Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger Entscheidung die Qualifikation für eine dreijährige Uebung nicht absprechen konnte.

Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der Helmerdings (es war wieder der sarkastische Herr von damals) dem jungen Manne nach eingehendster Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde »unbedingt seine drei Jahre abreißen müssen«, ja, um jede gesundheitliche Befürchtung abzuschneiden, hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich hervorheben müssen, an dem jungen Helmerding nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit gewiß zu seiner Individualität nicht in Widerspruch gestanden hätte. Um so freudiger war die Ueberraschung, daß die Aushebungskommission, die ihn und seinen Vater allerdings besser kennen mußte, mit großer Einhelligkeit von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und ihn deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst bestimmte. Und mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit, mit erhabener Begeisterung und Freude beging man daheim, beging besonders die »von frommem Dank durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße.

Unter solchen vielverheißenden Auspizien trat Willy endlich in jenes reife Jünglingsalter ein, das sein kühner Geist schon lange vorweggenommen hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor Zwölf geboren worden war, sollte auch für die Folgezeit ein günstiges Omen sein. Willy kam immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen Uebung gar nicht einberufen wurde, weil er »überzählig« war, und sein späterer, partout »nationaler«, treu zu Kaiser und Reich trinkender Diner-Patriotismus ihm so auch nicht das geringste kostete, verdient kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan der Landeslotterie stand mit zollgroßen Lettern gedruckt: »Der größte Gewinn ist im glücklichsten Fall sechshunderttausend Mark!« und für wen konnte die Vorsehung diesen Fall vorgesehen haben, wenn nicht für Willy? Seit fünfunddreißig Jahren waren das Große Los und die Prämie nicht zusammengefallen; aber in der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte und in der viele, viele Tausende von armen Schneidern, Schustern und Kesselflickern durchfielen, vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks und der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der nach zwei Jahren in der Stadtverordnetensitzung beschlossen und bald darauf von der Regierung genehmigt wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen Häuser, weil sie ganz in der Nähe des zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das Doppelte, ohne daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen, als den Wert der Häuser mit zwei zu multiplizieren und sich dann über das Produkt zu freuen. An der Börse richtete sich Willy mit Vorliebe so ein, daß er bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was er aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er hatte fallen lassen, das war Baisse.

Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen Fabrik nicht, an der er seit seinem sechsundzwanzigsten Jahre als einer der ersten Aktionäre beteiligt war. Das Unternehmen hielt sich – ja – aber nur so so, und an Dividenden war für lange Zeit nicht zu denken. Denn es bestand noch ein anderes, ebenso großes und viel älteres Unternehmen in der Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade unmöglich zu werden. Aber eines schönen Sonntags starb der alleinige Besitzer dieser anderen Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage. Grund genug für Willy, in der nächsten Versammlung der Aktionäre eine Idee zu haben. Die andre Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein vorzüglicher Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine kinderlose Witwe von geschäftlichen Dingen leider oder gottlob so gut wie nichts. Nur habgierig sei sie, und kosten werde das etwas; aber der Erfolg sei in seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen. Und in der Tat, die Witwe forderte nicht wenig. Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das war hart; aber Willy war härter und drang bei seinen Konsorten durch.

Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings eine auffallende Veränderung an ihrem Kinde. Willys Wangen schienen einzufallen; seine Augen waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine düstere Melancholie umschattete sein Antlitz; dann wieder schien eine plötzliche Verklärung seine Züge zu umglänzen. Sein Gang war ungleichmäßig, bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt. Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte allein, während er sonst in Gesellschaft geirrt hatte. Selten kam ein Wort über seine Lippen; nur wenn die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und warnend sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,« antwortete er ihr mit einem kindlichen »Ach was!«. Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener inbrünstigen Konzentration auf Gabel und Glas, wie man sie an ihm gewohnt war; er betrieb das wie ein gleichgültiges Geschäft, wenn er es überhaupt als ein Geschäft betrachtete.

Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder strahlend auf im Hause Helmerding. Wer an diesem Tage vier Uhr zwanzig Minuten nachmittags zu den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde gesehen und gehört haben, wie der Papa und die Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten und unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf Rechnung der ewig weiblichen Frau Helmerding) ihrem Sohne zuriefen:

»Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein Willy! – Du bist 'n gutes Kind, jaa, un has deinen Eltern immer Freude gemacht; jaa, un viel Glück auch, mein Willy!«

Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die Mitteilung gemacht, daß er sich mit einer Doppelmillion verlobt habe und die Witwe des Dr. Pfeiffer als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend einer superben Balletteuse vom Stadttheater beim Champagner erzählte, »hoch in den Neununddreißigern« war und noch Spuren früherer Häßlichkeit zeigte.

Erst jetzt erkannten die Aktionäre einstimmig die Rentabilität des Ankaufs.