Ich wanderte viereinhalb Stunden, trank ein Glas Kreuzbrunnen und genoß zu Abend eine Fleischspeise, ein Gemüse oder Kompott und ein Krügel Pilsner. Gehorsam ist des Christen Schmuck.
Ein unvergleichlicher Trost in solchen Zeiten der Depression ist eine gute Hamburger oder Bremer Zigarre. Leider hatte ich mir nur einen winzigen Vorrat mitnehmen können, weil Zigarren an der österreichischen Grenze einen ungeheuren Zoll kosten.
Wie ein artiges Kind schlüpfte ich gegen zehn Uhr ins Bett, und diese Lebensweise setzte ich fünf Tage lang ohne nennenswerte Schwankungen fort. Nur hatte ich mir am dritten Tage beim Frühstück gesagt: »Die paar Tropfen Sahne, die zum Tee serviert werden, könntest du eigentlich mitnehmen. Zwar: Sahne macht fett. Aber ich erinnere mich vollkommen deutlich, daß der Arzt nicht gesagt hat: »ohne Sahne«. Der Mann war sehr genau in seinen Vorschriften; hätte er die Sahne verbieten wollen, so hätte er es zweifellos getan. Er hat sie also erlaubt, und da ich mich strengstens nach seinen Vorschriften richten will, so muß ich sie eigentlich nehmen. Es ist zwar nur ein Fingerhütchen voll; aber es ist etwas mehr.« Seit diesem Tage nahm ich Sahne zum Tee.
Als fünf Tage herum waren, sollte wieder gewogen werden. Ich habe in meinem Leben verschiedene Examina durchgemacht; aber mit so feierlicher Spannung, mit so freudig-banger Erregung bin ich keiner Prüfung entgegengegangen wie dieser. Ich schwankte lange, welcher Wage ich mich anvertrauen solle; endlich trat ich in einen Laden, legte Hut, Ueberzieher, Handschuhe, Gummigaloschen, Portemonnaie, Taschenmesser, Uhr und Schlüsselbund ab und bestieg den Schicksalsstuhl.
»92 Kilo,« sagte die wägende Themis.
»Den Zettel!« stotterte ich.
Da stand es schwarz auf weiß: »92 Kilo!« Also ein Gewichtsverlust von 3,1 Kilo, von 6⅕ Pfund, von 3100 Gramm! Die Tugend hatte ihren Lohn gefunden; Geist und Wille hatten über die Erdenschwere gesiegt! »Hurra!« flüsterte ich auf der Straße vor mich hin. »Hurra! Darauf kann ein vergnügter Abend stehen!«
Ich suchte meinen Freund auf und das famose Pilsner-Lokal. Ich konnte mein Glück nicht für mich behalten; ich mußte mich mitteilen, und noch eh' ich Hut und Mantel abgelegt hatte, rief ich: »Sechs Pfund! Sechs Pfund verloren! Der ehrliche Finder soll sie behalten! Wie steh' ich nun da?«
»Was?« schrie mein Freund. »Sechs Pfund in fünf Tagen? Menschenskind, sind Sie denn des Deubels? Wissen Sie auch, daß Sie sich dabei den schönsten Herzklaps holen können?«
Ich erschrak und griff unwillkürlich nach der Speisenkarte. Mein Auge fiel auf: Filetbraten mit Makkaroni. Und mir ward, als spräche der Herr: »Es sammle sich alles Wasser unter dem Himmel,« und mein Mund wäre der Sammelplatz. »Donnerwetter,« stöhnte ich, »Makkaroni ess' ich so gern; aber sie setzen Fett.«