Aber das alles, so tief es ist, ist noch seicht und trivial im Vergleich zu dem Liede vom Frack.
»O wie bimmel, bammel, bummelt
O wie bimmel, bammel, bummelt
O wie bummelt mir mein Frack!
Ich hab noch nie einen Frack gehabt,
Der mir so sehr gebimmelbammelt hat.
O wie bimmel, bammel, bummelt
O wie bummelt mir mein Frack!«
Dies, ich wage das schämige Geständnis, ist mir das Höchste in der Dichtkunst. Hier ist nur Empfindung, Beobachtung und Bericht von Tatsachen; alle Reflexion ist vermieden. Der Dichter verzichtet auf jegliches intellektuelle Moment, er ist ein Volldichter. Dieses Werk konnte geschaffen und dann genossen werden bei gänzlich exstirpiertem Gehirn, ausschließlich mit Hilfe des Plexus solaris, jenes famosen Gangliengeflechts in der Magengegend. Ueber den Vortrag sei folgendes bemerkt: die Hände ruhen bis zu den Ellbogen in den Hosentaschen, die Zigarre hängt genau senkrecht im linken Mundwinkel, der Blick tastet mit elegischer Zärtlichkeit am Frack hinunter und sucht vergeblich den vorderen Teil der Schöße. Tempo: das hartnäckigste Largo, nach Mälzel = 1. Aber –:
Jetzt kommt ein wichtiges Aber. Auch in diesem höchsten Moment soll der Kneipant noch so viel Herrschaft über sich besitzen, daß er mit ernster Hingabe singt und sich im stillen über seinen Ernst unbändig amüsiert. Der größte Blödsinn wird ernst genommen: eben das macht den Kommers zu einem Bild des menschlichen Lebens. Und wen solch ein Ernst von Herzen heiter stimmt, der ist ein Herr des Lebens. Und das soll der Kneipant sein. Wir wollen mit dem Stumpfsinn spielen wie Brutus, und nachher wollen wir allerlei Tyrannen zum Teufel jagen. Sollte einer unter euch, liebe Brüder, gewähnt haben, daß ich die Entwickelung unseres Vaterlandes zur Bierarchie befördern helfen wolle, so hat er geirrt. Und wenn das edelste Münchener Bräu oder das süffigste Gold vom Rhein in Strömen fließt: obenauf schwimme der Mensch. Ihr sollt, liebe Brüder, euer geehrtes Innere begießen, auf daß der Mensch in euch zur Blüte komme.
Nein, das meine ich natürlich nicht, daß einer ein steifes Genick haben soll, daß einer sich nie vergessen soll, nie sich heiser singen soll, daß er für alles Getriebe um ihn her einen kühlen Polizeiblick bewahren soll, daß er ein dicker Klotz oder Pfahl sein soll, der von keinem Freudenstrudel sich fortreißen läßt. Solche Scheusale gehören in die Wolfsschlucht. Gottlob gibt es aber noch starke Kerle, die mitten durch Tabak- und Freudenqualm einen freundlich-festen Blick balancieren können, denen in seligsten Sekunden eherne Entschlüsse reifen und die, wenn's nottut, auf beide Füße springen und Männer sein können.
Denn bei einem rechten Kommers singt man ja auch solche Lieder wie »Freiheit, die ich meine« mit den selig-schönen Versen.
»Auch bei grünen Bäumen in dem lust'gen Wald,
Unter Blütenträumen ist dein Aufenthalt.
Das ist rechtes Leben, wenn es weht und klingt,
Wenn dein stilles Weben wonnig uns durchdringt.
Wo sich Männer finden, die für Ehr' und Recht
Mutig sich verbinden, weilt ein frei Geschlecht.
Das ist rechtes Glühen, frisch und rosenrot;
Heldenwangen blühen schöner auf im Tod«
und solche Lieder wie »An der Saale hellem Strande« mit den Versen:
»Drüben winken schöne Sterne,
Freundlich lacht manch' roter Mund,«