Als dasselbe Kind uns versicherte, es habe »solche Notbremse im Hals«, schenkten wir ihm keinen Glauben. Erst als wir erkannten, daß es sich um ein »Sodbrennen« handle, fanden wir seine Beschwerden verständlich. Auch als es uns erzählte, unser Wirt in der Sommerfrische füttere seine Schweine »mit Schleie«, fanden wir dieses kostspielige Verfahren nicht wahrscheinlich; mit »Kleie«: das war zu glauben.
In einer Warteschule hörte ich die Kinder singen »Es regnet ohne Untersatz« statt »Unterlaß«. Sie wußten, daß man Gefäßen, die eine Flüssigkeit enthalten, wie Biergläsern, Blumentöpfen und dergleichen, einen Untersatz gibt, und machten wahrscheinlich mit Befremden die Beobachtung, daß die Natur beim Regnen diese Reinlichkeitsmaßregel versäume.
Ihr werdet jetzt schon wissen, was ich mit meinem Irrgarten meine; wenn ich von seinen Schönheiten, Wunderlichkeiten und Wundern nicht immer die letzte Erklärung gebe, so gebt sie euch selbst; es ist das anmutigste und fruchtbarste Rätselraten, das ich kenne.
Ein krauses und reiches Gärtlein für sich bilden allein schon die lautlichen Irrwege der suchenden, tastenden Kinderzunge, die doch nach verborgenen Gesetzen tastet und sucht. Das Kind erfindet sich ein geniales Erleichterungsverfahren; es assimiliert Zahn- und Lippenlaut und macht zwei Lippenlaute daraus; es hat »epwas« gefunden und möchte noch »epwas« von der Torte, die ihm schmeckt; es löst einen schwierigen Hiatus auf, indem es einen leichten Konsonanten einschiebt, auf den die Zunge schon eingestellt war, ersetzt eine schwierige Konsonantenhäufung durch eine leichte Konsonantenfolge, und zwar durch eine, die es soeben erst geübt hat; darum wollte eins unserer Kinder nichts von der »Servisette« wissen; darum sprach es, als es schon stark herangewachsen war, noch immer ahnungslos von einer »Klopdopstraße« statt von einer Klopstockstraße.
Das Kind verkehrt die Reihenfolge der Anlaute in schwierigen Wörtern und erzählt uns strahlenden Auges von der »Muckerlative«, die so laut geschrien und geschnauft, und von dem »Wufflabomm«, den es am Himmel gesehen habe. Mit entschlossener Abkürzung macht es aus einem Delikatessenhändler einen »Delitessenhändler«; ein völlig fremdes Wort modelt es um nach einem, das es schon gehört hat: so verbreitete eines unserer Kinder die sensationelle Nachricht, daß seine Eltern in »Salzkamerun« wären, während wir nur bis zum Salzkammergut gekommen waren.
Ebenso erquicklich ungeniert behandelt es die Etymologie; wo ihm die Vergangenheitsformen fehlen, gebraucht es den Infinitiv oder wenigstens seinen Vokal; es hat ein heillos verknotetes Stiefelband »einfach durchgeschneiden« und fragt die Mutter, ob sie die Ernte vom Stachelbeerbusch schon »gewiegt« habe. Die unregelmäßigen Verben und ihre Ablautung sind ja bekanntlich überall und überhaupt ein lustiges Kapitel; die rote Grütze, die in der Küche bereitet wurde, »raach« so wunderschön, als Roswitha im Garten »ging, nein: gang, nein: gung«; sie möchte sich »epwas« davon »nimmen«. Und wenn es eine »Faulheit« gibt, warum soll es keine »Fleißheit« geben; wenn man von Emsigkeit spricht, warum soll sich Irene nicht über die »Faulkeit« ihrer Puppe entrüsten? Ist man nicht souverän und kann man nicht einfach Plurale und Wörter schaffen, die es bis dahin nicht gegeben? Wenn Rosenkohl auf den Tisch kam, verzichtete Erasmus; er mochte »die kleinen Köhler« nicht; die Peitsche war ihm ein »Knallstock«, und die Kiemendeckel der Fische waren »Fischklappen«. Die Frauen, die im Kloster leben, heißen Nonnen, die Männer, die im Kloster leben, demgemäß natürlich »Nonnenmänner«, und wenn man die Lampe angezündet hat, so muß man sie beim Zubettgehen wieder »auszünden«.
Muß sich der Deutsche Sprachverein nicht freuen, wenn aus dem welschen »Vestibül« ein deutsches »Westerbül« wird? Wenn es nach Süden liegt, sagt man natürlich »Süderbül«.
Wurzelecht ist dieser Purismus Roswithens freilich nicht; als ich verschiedentlich scherzenderweise das Wort »naturellement« gebraucht hatte, sagte sie statt »natürlich« nur noch »natürlichrallemang«.
Dagegen verfuhr sie wiederum höchst selbständig, ja tyrannisch bei der Transition des Tätigkeitsbegriffes auf Subjekt oder Objekt. Sie dichtete eines Tages bei einem ihrer Spiele, daß es regne, und spannte ihr Schirmchen auf. »Warum spannst du denn den Schirm auf?« fragte ich. »Ich beschütz den Regen,« versetzte sie.
Aber dieser Irrgarten der Wörter und Laute ist nur ein kleines Vorgärtchen zum großen Labyrinth der Begriffe. Denkt euch, ihr blicktet von erhabenem Standort auf ein riesiges Manöverfeld, in dem eine Armee nach allen Richtungen zerstreut durcheinandergewirrt wäre. Da ertönt das Signal zum Sammeln, und plötzlich entsteht ein so heilloses Ameisengewimmel, daß ihr glaubt, es könne sich nie und nimmer entwirren. Aber mehr und mehr kommt Ordnung in den Haufen; immer deutlicher formen sich die Gruppen, und endlich steht jede Division und jede Kompagnie an ihrem Platze und jeder Mann in seinem Zuge an rechter Stelle.