Daran muß ich immer denken, wenn ich das Gekribbel und Gewibbel und Gewusel der Vorstellungen und Begriffe in einem Kinderkopf beobachte, und kein Schauspiel dünkt mich wunderbarer und entzückender, als wie diese Begriffe und Vorstellungen sich nach und nach von selbst zurechtlaufen.
Interessant ist schon die Chronologie der kleinen Köpfe. »Einmal«, so erzählte unsere Roswitha ihrer Mutter und mir, »einmal hab ich in Eppendorferweg 'n ganz großen Löwe gesehen!« und als wir an der Wahrheit dieser Erzählung zweifelten, fügte sie hinzu: »Ganz gewiß, da wart ihr noch gar nicht geboren.«
Als sie eines Tages hörte, daß Männe, ihr geliebter Dackel, auch einmal sterben werde, da meinte sie nach längerem Nachsinnen: »Na ja, wenn er denn stirbt un wenn Kurti denn mein Mann is, denn lassen wir ihn ausstopfen un denn stellen wir ihn aufs Büfett.« Männe wird eben nicht eher sterben, als bis sie verheiratet ist und ein Büfett hat. Kinder sind Götter und arrangieren den Weltlauf höchstselbst. Und der Gedanke, daß etwas Geliebtes ganz aus ihrer Nähe verschwinden könnte, besteht für sie nicht.
Die Kinder, die Roswitha einmal haben wird, haben sofort ein gewisses vorgeschritteneres Alter; die früheren Kinderjahre überspringen sie. Ihre Mutter wünscht das so, weil sich dann interessanter mit ihnen spielen läßt als mit Säuglingen und Babies.
Roswithens ältere Schwester Herta kennt keinen Unterschied der Zeiten nach Sitten und Gebräuchen; ihre Geschichtsbilder sind ein einziger Anachronismus. »Mutter,« fragte sie, »wie hieß noch der Herr, der über die Volsker siegte?« Coriolan ist eben ein »Herr« wie der Nachbar Müller mit der karierten Hose und dem Zylinder. Geschichtslehrer sollten das bedenken.
Und alle sollten wir bedenken, daß Kinder von dem, was wir ihnen sagen, viel weniger verstehen, als wir ahnen, wenigstens von dem, was sie verstehen sollen. Was sie erleben, verstehen sie weit besser, als was wir ihnen sagen. Dieselbe Herta kam mit der Theseussage nach Haus und erzählte frisch und munter: »Theseus hatte aus Versehen auf Kreta getreten.« Was mag sie sich unter Kreta vorgestellt haben! Nie haben wir's herausgebracht.
Was mag sich unsere Jüngste jahrelang unter dem Wort »Dienstag« vorgestellt haben! Eines Tages sagte sie nämlich mit größter Entschiedenheit: »In mein ganzes Leben is noch nie Dienstag gewesen!« Und ein anderes Mal fragte sie: »Nich, Pappi, Eis is doch kälter als Winter, nich?« Wie sah der Winter aus in diesem Köpfchen? Nicht wahr, das ist ein Helldunkel, so geheimnisvoll, wie es keinem Rembrandt je gelungen ist, nicht wahr, da tun sich zauberdunkle Höhlen voll flimmernder Nächte auf?
Zuweilen gemahnt das kindliche Tasten an den blinden Glücksgriff des Genies. »Was ist denn ein ›Paradies‹?« fragte ich einst ein kleines Mädchen. »Ein Friedhof«, antwortete es ohne Besinnen. Der Friede mochte das tertium comparationis sein, das die beiden Gärten in der Seele des Kindes zu einem gemacht hatte. Und auf der Straße hörte ich einst, wie hinter mir ein Büblein zum andern sagte: »Gestern ist meine Großmutter eingepflanzt worden.« Das ist eigentlich noch schöner als Schillers Verse:
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß …
Wir verbinden die Vorstellungen zu Begriffen, wenn sie in den wesentlichen Merkmalen übereinstimmen; das Kind stellt solche Verbindungen nach einzelnen, oft nach einem einzigen und dazu noch zufälligen Merkmal her. Das ergibt dann Aussprüche von merkwürdigem Tiefsinn und von überraschender Komik. Ein Sechsjähriger kam an seinem ersten Schultage mit der verwunderten Bemerkung heim: »Sie sagen in der Schule gar nicht ›Sie‹ zu mir.« Daß seine Verwandten und seine Spielkameraden und die Freunde des Hauses ihn duzten, war begreiflich; sie waren ja Bekannte; aber fremde Leute sagen doch »Sie« zueinander.