Ein anderer Abc-Schütze berichtete mit gleicher Verwunderung: »Die Schulbänke sind gar nicht gepolstert.« Man sollte glauben, es sei ein verwöhntes Seidenpüppchen gewesen; aber das Gegenteil war der Fall; es war ein einfach gewöhnter, derber Junge; aber mit dem Begriff eines Sitzgeräts war ihm das Merkmal der Polsterung verbunden.
Einer meiner Freunde ging mit seinem neunjährigen Neffen in einen Juwelierladen, dessen Inhaber ihm u. a. auch einen hübschen Ring für den Buben anstellte. Er steckte dem Knaben den Ring an den Finger und meinte, ob er solch einen Ring nicht haben möchte; der Junge aber lehnte entschieden ab. Wieder auf der Straße, sprach er mit einer gewissen Entrüstung zu seinem Onkel: »Ich weiß gar nicht, was der Mann mit seinem Ring wollte! Ich denke gar nicht ans Heiraten.«
Natürlich sind es vor allem die sinnlichen Merkmale der Dinge, die in den Kindern haften und nach denen sie diese Dinge erkennen und bestimmen. Roswitha hatte mit großen, vor Teilnahme ganz dunklen Augen das Lied von den zwei Königskindern gehört, für die das Wasser viel zu tief war.
»Warum schwamm denn der Königssohn hinüber?« fragte ich sie. »Er konnte doch nicht so weit hinüberlieben,« war ihre Antwort. Lieben heißt die Arme um den Hals des andern schlingen, ihn drücken und küssen.
Selbst die Geister denkt sich Roswitha in einer nicht zu überbietenden Konkretheit. Sie hatte sich im Dunkel ihres Schlafzimmers vor »Geistern« gefürchtet (wie sie darauf verfallen war, weiß ich nicht); in einer dunklen Zimmerecke argwöhnte sie solch einen Störenfried. Wir hatten ihr versichert, daß es Geister von der Art, die die Leute bei Nacht belästigen, nicht gebe (in solchem Alter gibt's die ja wirklich nicht), und hatten sie genau in alle Winkel schauen lassen, um sie von der Gespensterreinheit des Zimmers zu überzeugen. Das hatte sie denn auch beruhigt. Aber einige Wochen später mußten ihr doch wieder Zweifel aufgestiegen sein; sie rief noch spät ihre Mutter ans Bett und vertraute ihr ihre Befürchtungen an:
»Ich weiß ja, daß es keine Geister gibt; du hast es mir ja gesagt; aber ich muß immer daran denken: vielleicht is doch noch einer nachgeblieben, un der hat sich vielleicht vermehrt.«
Kann man sich Geister sinnlicher vorstellen?
Und wie sie allem Geistigen einen Körper geben, so – das ist bekannt – beseelen sie alles Körperliche. Weil ihnen Körper und Geist überhaupt noch ungetrennt sind, weil ihnen die Welt überhaupt noch als ein einheitliches Ganzes, nicht als eine Vielheit erscheint! Sie besitzen durch die Gnade der Natur noch die Synthese, die der Philosoph, wenn er die Welt analytisch zerbröckelt hat, vergeblich wieder zu erringen sucht; sie sehen die Welt noch in größeren Komplexen als wir. Das zeigt sich höchst charakteristisch in ihrer Orthographie; sie hören nicht Wörter, sondern ganze Wortkomplexe, ganze Sätze als eines. Als Roswitha Briefe zu schreiben begann, da schrieb sie an ihre Freundin nicht nur: »Dann kristu (kriegst Du) meine Puppe«, sie lud sie auch »aufngansentag«, d. i. auf einen ganzen Tag zu sich und berichtete ihr, daß Männe »gansausersich«, d. h. ganz außer sich vor Freude gewesen sei.
Und so wenig sie die Worte und Dinge voneinander trennen, so wenig trennen sie sich selbst von den Dingen des Alls. »Seid umschlungen, Millionen,« dieses Wort im grenzenlosesten Sinne ist ihre Weltanschauung. Da kann es nicht wundernehmen, daß Herta fürchtete, ihre Puppe werde Heimweh bekommen, und daß Roswitha von ihrem Kaninchen »Swatti« erzählte: