Die größten Magier und Wundertäter aber sind Vater und Mutter. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit einer Zeit, da ich glaubte, daß meine Eltern alle meine Gedanken wüßten, wie der liebe Gott. So haben meine Frau und ich bei Roswithen unbegrenzten Kredit. Als sie ihre erste, rührend einfache Weihnachtshandarbeit machte, beriet sie eifrigst und eingehendst mit ihrer Mutter darüber, wie sie dies Geschenk am besten vor ihr verbergen könne. Vieles wurde erwogen, vieles wieder verworfen. Endlich rief sie: »Ach was, ich leg es einfach in meine Puppenkommode; ich weiß ja, daß du nich darangehst!«
Und ein andermal sagte sie: »Ja, ich steck ja noch immer den Daum'n in Mund, wenn ich einschlaf; aber du wirst mir das wohl schon abgewöhnen.« Dies felsenfeste Vertrauen zur Mutter beruhigte ihr Gewissen vollkommen.
Wenn ich aber Roswithens Meinung von mir darstelle, so muß ich mich eigentlich schamroter Tinte bedienen. Als ein Bildhauer eine Büste von mir angefertigt hatte, da fragte ihr Bruder sie, auf die Inschrift im Sockel zeigend: »Was steht denn wohl drunter?«
»Pappi!« versetzte sie wie etwas Selbstverständliches. Die Welt hatte doch nur einen Pappi, und das war ich. Dumme Frage.
Als aber später einmal von Frankfurt a. M. die Rede war und ihre lehrfreudige Schwester Irene sagte: »Da ist der größte deutsche Dichter geboren. Wer ist das?«, da rief Roswitha mit derselben Selbstverständlichkeit: »Vater!«
Sie soll einmal meine Biographie schreiben.
Die nächsten im Range nach Vater und Mutter sind die Könige und Prinzen. Daher Roswithens tiefes Erstaunen, als sie in der biblischen Geschichte vernahm, daß die jüdischen Könige mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Gründlichkeit sündigten.
»Merkwürdig,« sprach sie eines Tages sinnend zu meiner Frau, »jeder König tut eine große Sünde; aber auch jeder!«
Von den Prinzen hatte sie dagegen infolge von Schokolade eine andauernd gute Meinung. Ein Prinz nämlich hatte uns gelegentlich eines Besuches Schokolade für die Kinder gegeben, und als Roswitha ihr Teil empfing, fragte sie strahlenden Blicks: »Handelt der Prinz mit Schokolade?«
Man muß nämlich nicht glauben, daß sie wie ein Kriegsminister denkt und in solchem Handel etwas Deklassierendes erblickt; im Gegenteil: ein Prinz, mit Degen, Barett und spanischem Mantel in einem Laden voll Schokolade stehend, wäre ihr ein besonders herrlicher Prinz gewesen. Hatte sie doch eines Tages, als ihre Geschwister ins Theater kamen und sie dafür durch Schokolade entschädigt wurde, triumphierend ausgerufen: