Das war freilich schon stark gegen Ausgang der Ferien.

Jeden Mittag um zwölf Uhr kommt Erasmus an meine Sandfeste, um mich zum Baden abzuholen. Bei Obertertianern muß man die Badestunde immer unmittelbar vor das Diner legen, weil nur eins die Kraft hat, sie wieder aus dem Meere hervorzulocken: die Tischglocke.

Wenn wir dann zum Essen gehen, müssen wir auch an Nazis Tisch vorbei. Sein Vater erlaubt ihm nicht, die Versicherung, daß er doch was zu essen kriege, laut durch den Saal zu schreien; aber er blinzelt mir heimlich mit boshaftem Frohlocken zu, und ebenso heimlich schüttle ich grollend die Faust.

Wir entwickeln alle einen ziemlich gleichmäßigen Appetit, den bekannten nördlichen Luft- und Meerhunger; aber Appelschnut wollte ihre Milch nicht trinken. Da habe ich sie dazu überredet, ihre Mutter regelmäßig bei Tische »anzuführen«. Ich gab ihr den teuflischen Gedanken ein, ihre Milch heimlich auszutrinken, dann zur Mutter zu sagen: »Ich mag keine Milch!«, und wenn die Mutter sie dann tadelte, ihr triumphierend das leere Glas zu zeigen. Das wiederholen wir nun bei jeder Mahlzeit und – merkwürdig! – jedesmal fällt meine Frau wieder darauf hinein, und jedesmal tauschen Appelschnut und ich danach einen Blick der freudigen Genugtuung: »Sie ist richtig wieder auf den Leim gegangen!«

Bei Tische muß ich, einem stillschweigenden Uebereinkommen gemäß, ein gewisses Quantum Witze für den Hausgebrauch machen, zum Beispiel wenn der Roquefort, der Maden hat, durch einen Camembert abgelöst wird, muß ich sagen: »Le Roquefort est mort, vive le Camembert!« oder so etwas Aehnliches; der Nachmittag aber gehört dann allerdings vorwiegend der Ruhe. Zwar nehme ich, in der Sandgrube liegend, die Biologie der Meerorganismen vors Gesicht, aber doch nur in dem vollen Bewußtsein, daß dieses Bewußtsein schon nach Beendigung des ersten Vordersatzes schwinden werde.

Natürlich: wenn ich von Ruhe gesprochen habe, so hat das keinen Bezug auf die Kinder. Kinder haben ein so ruhiges Herz, daß Haupt und Glieder der Ruhe nicht bedürfen. Ich habe denn auch kaum das Quantum Schlaf genossen, dessen man nach einem solchen Vormittage dringend bedarf, als mir aus Traumeshimmeln etwas ziemlich Schweres, Warm-Lebendiges auf den Magen fällt. Selbstverständlich Appelschnut.

»O Pappi, wir spielen zu fein! Karl is der Wolf, un ich bin das Pferd, un denn kämpfen wir uns immer mit'nander!«

Ich habe also ein Pferd auf dem Schoß. Auch in diesem Augenblick, da sie auf meinem Schoße sitzt, fühlt sie sich vollkommen als Pferd. Aber das Pferd hat einen sehr kräftigen Schmutzfleck im Kleid.

»Roswitha, wie hast du das schöne neue Kleid beschmutzt!«