Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick.
»Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt.
Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen: »Erlauben Sie, daß ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sag’ mir zu! Sag’ mir zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe davon.
Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische Unterschied bestand darin, daß er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark, Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine große Ungerechtigkeit erblickte.
1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen Lebensabschnitt überblickte – was rechtfertigte eigentlich das »glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte? Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein großes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daß er geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die Empfindung, daß die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten, viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte.
Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er ganz glücklich. Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren sechzigjährigen
Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins andere und sang:
»Nach Sevilla, nach Sevilla! Wo die letzten Häuser stehen, Sich die Nachbarn freundlich grüßen, Mädchen aus dem Fenster sehen, Ihre Blumen zu begießen, Ach, da sehnt mein Herz sich hin!«
und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla« einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück herabschien.
Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus hervorging, daß sie im nächsten Augenblick sang: