»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie errötend.
Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch. Freilich: so war sie nun eigentlich nicht....
Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß sein Ottaverimengebäude also:
»Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter, Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze, Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze! Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze. Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten, In starker Brust das stolze Glück der Taten.
Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige – Ein leises Knistern über meinem Haupte – Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige, Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte – Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte! Verlassen hat ein schöner Traum die Lider – Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder!
Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte In deinem Arm, im heimatlichen Walde! – Ob je so schön wie heut’ herüberlachte Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? – Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte, Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde; O sieh zum Horizont die Sonne gleiten: Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!«
Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen, als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den Ellbogen, und der Brief fiel hinein.
Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. –
Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief.
»Sehr geehrter Herr Semper!