fragen; da fiel sein Blick noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen.

»’s is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz geschmiedet und mit Gips ernährt wurde.

Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg, nahrhaft und süß, und das Leben ein Schlaraffenland und sein Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer, sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saßen Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei andere Gehilfen,

ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des Fabrikanten, der nachschauen mußte, ob die Zigarren gut und nicht zu schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den »Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faßte denn auch um diese Zeit zum ersten Male den Entschluß, in den »Lohengrin« zu gehen.

Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange seiner Opfer wie die Keule des Herkules.

»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel einer unordentlichen alten Dame, in

dem sich die Garnknäuel vieler Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten Grünwarenhändler.

»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen Besuchen zu sagen.

»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn nicht ab!«

»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich nun schon so viele Jahre.«