Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten«
im Triumph einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er beruhigt heim.
Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages. Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.
Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –? Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’ es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht. Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen: »Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.«
Und dann hatte er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.
Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen sein? Nein, nicht die letzte.
Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete. Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach, öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.
»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem Staunen.
Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und seine eigene Enkelin.
Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der Kranke war wieder entschlummert.