So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß 1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten, die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten. Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg, der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in zartester Weise seine

Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte. So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen bei ihm das Dichten.«

Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden, und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman, der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper.

Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.

»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten – ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!«

Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und tanzte mit dem durch beide Zimmer.

In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte. Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt worden.

Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen

wären, da drehte er sich auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne, ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete zu ihm nieder und sagte:

»Ich weiß, was du denkst!«