Mit diesen Stunden hatte er besonders gerechnet. Er verdiente allgemach so viel, daß er seinen Eltern Kost und Wohnung vergüten konnte, und diese Stunden sollten es ihm endlich ermöglichen, von seinem Verdienst ein weniges für sich zu behalten. Wenn die Stunden eine Weile fortgingen, wollte er sich ein Klavier mieten! Und auf diesem einst zu mietenden Klavier hatte Ludwig Sempers Sohn auf Spaziergängen und an stillen Feierabenden schon manches Adagio cantabile und manches Presto furioso gespielt. Denn er war vielleicht der größte und kühnste Luftschloßarchitekt seines Jahrhunderts. Aus einem einzigen Stein baute er ein Schloß; aber er ließ es nicht etwa, wie die meisten dieser Künstler, bei dem Gerüst oder bei der Fassade bewenden; nein, er führte es durch und hinauf bis zu den letzten Fialen und Türmchen, die mit den Mondstrahlen stritten an
Feinheit und Glanz; er baute es aus von der Halle bis ins verschwiegenste Gemach, von der breitschimmernden Treppe bis in die Kammer des Türmers, vom lauschigen Erker bis zum lachenden Balkon, der in prangende Gärten hinabsah. Denn was wäre ein Schloß ohne einen Park mit Brücken und Lauben, mit singenden Wassern und horchenden Steinbildern, mit hundert Abgründen für den Traum und hundert Grotten und Höhlen für die Erinnerung?
Aber das merkwürdigste war, daß er, wenn das Schloß nun plötzlich im leeren Grau verschwand, nur drei Sekunden brauchte, um sich mit dieser vollendeten Tatsache abzufinden. Er galt bei denen, die ihn kannten, für einen Menschen von Talent; aber sein größtes Talent kannten weder sie noch er selbst: sein unerhörtes Talent, glücklich zu sein. In einem heimlichen Schubfach seines Herzens lagen tausend Baupläne zu neuen Luftschlössern; hinter seiner Stirn brannte wie ein wandelloser Stern die Hoffnung: Einmal bau ich mir doch ein Schloß, ein Schloß aus wirklichem Glück, und so viele, so herrliche Schlösser ihm versinken mochten – er versöhnte sich mit jeder Notwendigkeit und kannte nichts Unsinnigeres als Trauer um das Unabänderliche.
Und so schob er denn die Grammatik der englischen Handelssprache unter den Arm und sagte sich: »Ich habe doch meine Kenntnis des Englischen erweitert und einen gewissen Einblick in
geschäftliche Dinge bekommen – wer weiß, ob ich sonst jemals dazu gekommen wäre.« Damit waren die Kompagnons erledigt.
Die Lust, etwas zu lernen, ist unter den Menschen weit verbreitet, die Lust, sich darum anzustrengen, nicht. Es gab wohl allerlei Leute, die Privatstunden haben wollten; aber sie gaben sie gewöhnlich schnell wieder auf, wenn sie merkten, daß das Lernen bei aller Milde der Methoden doch etwas anderes ist als eine schmerzlose Einspritzung ins Gehirn. So gingen allerlei Leute durch Asmussens Hände: ein Opernsänger, der fast so begabt war wie der beschränkte Kompagnon, aber nicht singen konnte; ein Franzose, der Deutsch lernen wollte, der – ayant oublié son porte-monnaie Asmussen um drei Mark anpumpte und dann nicht wiederkam; ein Gastwirt, der eine feinere Wirtschaft übernahm und darum Bildung lernen wollte, und manche andere; es gab Wochen, in denen »das Geschäft blühte«; aber sie wechselten mit Monaten, Vierteljahren, an denen es darniederlag. Und wenn den Glückspilz Asmus Semper etwas andauernd unglücklich machen konnte, so war es das Gefühl, seinen Eltern zur Last zu liegen, und die Furcht, in den Augen seiner Mutter den stummen Vorwurf zu lesen, daß er seinen Eltern Opfer und Sorgen auferlege, die keines der anderen Kinder verlangt habe.
XVII. Kapitel.
Das Schicksal führt uns zu wunderlichen Tischgenossen.
In solcher Zeit ward ihm einmal Hilfe durch einen Lehrer, der ihm in »feinen Häusern« drei Freitische verschaffte. Asmus jubelte, erstens weil er seinen Eltern drei Mittagsmahle ersparte, und zweitens, weil ihm ein Klassenkollege und Freitischler auf Spaziergängen zu wiederholten Malen die Leckerbissen geschildert hatte, die es in solchen Häusern gebe. Schneebälle zum Beispiel, Schneebälle zum Nachtisch, man denke! Asmus freute sich wie ein Kind auf die zu erwartenden Festgerichte und ahnte nicht, womit sie gewürzt waren. Und bei dem Architekten war es wirklich schön! Die kinderlosen, noch jungen Eheleute behandelten ihn ganz wie einen Gast; das Mädchen servierte erst der gnädigen Frau, dann ihm und dann erst dem Hausherrn, und die gnädige Frau schanzte ihm immer besonders gute Bissen zu und schälte und zerlegte ihm mit eigenen Händen Äpfel und Apfelsinen. Asmus war von dieser reinen Güte so beschämt, daß er anfangs vor Beklommenheit
nicht reden und nicht essen konnte. Aber die ungezwungene Freundlichkeit der Wirte, die keine seiner Verlegenheiten und Unbeholfenheiten zu bemerken schien, half ihm über alle Ängste hinweg; der Hausherr schenkte ihm immer wieder ein, behandelte ihn als alten Kneipgesellen und neckte bei aller Zartheit seine Frau so lustig und unbefangen, als wäre niemand zugegen denn ein alter Freund!