fünf Konstruktionsaufgaben einreichte, die nicht so standen, wie es Herr Quasebarth seit siebenundzwanzig Jahren gewohnt war, sondern auf dem Bauche oder auf dem Rücken lagen oder auf dem Kopfe standen, da schrieb er mit Wucht darunter »falsch« und eine Vier, das schlechteste Zeugnis; denn er durchflog die Hefte seiner Schüler wie ein Schnellzug, der unterwegs nicht hält. Asmus machte ihn darauf aufmerksam, daß alle Aufgaben zweifellos richtig gelöst seien und nur sozusagen andere Hosen anhätten als sonst. Herr Quasebarth sagte höhnisch: »So« und dann sah er ins Heft und sagte: »Die« – und dann sagte er unsicheren Tones: »Das« – und nachdem er noch »Hm« gesagt hatte, rief er ärgerlich: »Ja, richtig sind sie wohl; aber was sollen die Veränderungen: machen Sie es doch, wie es alle anderen machen!« und er nahm die Feder und erhöhte das Zeugnis – um einen halben Grad. Er wollte damit ausdrücken, daß der Schüler richtig gearbeitet, der Lehrer hingegen recht habe.
XIX. Kapitel.
Asmus klagt sich wegen schwindelhaften Bauens an und wird in Verruf erklärt.
Ja, die Gesetze des Hebels und die Wunder des Spektrums und vor allem jener fatale Abgrund, der zwischen Körperwelt und Gedankenwelt klafft, jener Abgrund, den wir immerfort überspringen, ohne ihn jemals zu sehen, sie hatten seinem bohrenden Geiste wilde Sorgen gemacht; aber es waren holde Sorgen gewesen, fröhliche Sorgen, Sorgen, die man nicht scheuchte, sondern suchte; denn das ist das göttliche Wunder in allem geistigen Ringen, daß auch die Niederlagen uns stärker und freier machen, solange uns Hoffnung bleibt.
Die schöne Zeit dieser Sorgen war dahin. Bei den vielen Privatstunden konnte er nur das Notdürftigste pauken, konnte er eigentlich nur für den Schein arbeiten. Jawohl, wenn er eine Reihe von Regeln oder Vokabeln oder eine Biographie oder einen Geschichtsabschnitt einmal durchgelesen hatte, so wußte er sie, aber für wie lange? Und was hatte dies oberflächliche
»Wissen« für einen Wert? Was sollte das für ein Wissensgebäude werden, das so schwindelhaft gebaute Partien aufwies. In der Tat: er kam sich vor wie ein gewissenloser Baumeister, der schadhafte Mauern unterm Putz verbirgt, und dies Bewußtsein einer Art Unredlichkeit peinigte ihn mehr als alles andre, obgleich niemand mehr von ihm verlangte, als er leistete, das ließen seine Zeugnisse deutlich erkennen.
Mit diesen Zeugnissen hatte er gleich nach dem ersten Quartal ein Malheur gehabt, das von eigenartigen Folgen sein sollte. Am Quartalsschluß hatte nämlich der Ordinarius gesprochen: »Das Kollegium ist einstimmig der Ansicht, daß die Klasse sich nicht in dem Maße anspannt, wie sie es könnte, und hat darum beschlossen, die höchste Zensur im Fleiß mit einer einzigen Ausnahme nicht zu vergeben. Diese Ausnahme bildet Semper; ihm ist eine Eins zuerkannt worden.«
Das war ehrenvoll und sehr gefährlich. Asmus empfand sofort mit jenem Tastgefühl, das weit über die Grenzen des Körpers hinausreicht, daß seine Klassenkollegen ihm anders begegneten als sonst. Es waren wohl manche da, die es ihm freudig gönnten; aber die andern waren in der Mehrzahl. Unter diesen andern war Wiedemann, ein langer Jüngling mit der Stimme einer alten Tante, den Bewegungen einer Raupe und feuchtkalten Händen. Asmussens Hände waren trocken und sehr warm,
fast heiß. Zwischen solchen Menschen steht etwas, was nicht zu überwinden ist. Asmus konnte gegen diesen Kameraden nicht freundlich tun; aber Wiedemann tat freundlich. Es gab in der Klasse einen vorzüglichen Mathematiker, der es namentlich im Rechnen allen andern zuvortat.
»Der Mollwitz ist doch ein großartiger Mathematiker, was?« sagte Wiedemann mit lauerndem Lächeln zu Semper.