Dinnebeil ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder »Die Liebe!!«
Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja, Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende Bewandtnis.
Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit, auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen Taschentüchern den Todesschweiß.
»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«
Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das is immer so: die’s nich nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch haben, die kommen nich.« Und er legte väterlich den Arm um Semper und sagte:
»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben: auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.«
Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre, so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der Antwort selbst zu geben, etwa so:
»Nun, Semper, welcher Ton muß also hier folchen? Gi – gi –?«
»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weiß alles!«
Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten.