Ein getreues Herze wissen Hat des höchsten Schatzes Preis; Der ist selig zu begrüßen, Der ein solches Kleinod weiß. Mir ist wohl bei höchstem Schmerz; Denn ich weiß ein treues Herz.

Wußte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muß ein erworbenes Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewußt; aber das war tot. Gewiß: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt; aber:

Ein getreues Herz hilft streiten Wider alles, was ist feind.

solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde Chavonne – – ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise:

Der beste Freund ist in dem Himmel, Auf Erden sind nicht Freunde viel, Und in dem falschen Weltgetümmel Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel. Drum hab’ ich’s immer so gemeint: Im Himmel ist der beste Freund.

Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer, wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daß es auf dieser Erde nie Größeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen »Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst, nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieß er – er hatte keinen Namen – nicht im Himmel war er – er war überall. Er sehnte sich nach einem menschlichen Freunde;

aber den großen, übermenschlichen Freund hatte er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen.

»Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele –«

wie dem lebenssatten Faust, so hätte ihm dieses Lied den Todesbecher mit Gewalt vom Munde gezogen.

»Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!«