Nach dem Abendessen wollte Hannah auf dem See rudern, vorausgesetzt, daß er eine halbe Stunde wartete, bis das Kind zu Bett gebracht war. Sie forderte ihn auf, zugegen zu sein, aber es lockte ihn nicht. Er leugnete nicht, daß kleines Kind, rosig unter dem Schwamm strampelndes, hübsch anzusehn war, aber er mied noch die Sphäre des Kinds. Eine junge Frau hatte ihn einmal gefragt: Sind Kinder nicht das Wertvollste, was wir haben? Er verstand es von der Frau aus, aber nicht vom Mann. Die junge Frau, vor der noch das eigne Leben lag, fand das Wertvollste schon außerhalb ihrer selbst; vor fünf Jahren war sie noch selbst Kind gewesen — erwuchs sie, ging alsbald der Wert von ihr auf die Jüngren über. Sich in dieses Nacheinander einzuordnen, solche Verlegung auf die Zukunft der Rasse war ihm undenkbar. Der erwachsne Mensch war ebenso wertvoll.
Er rief Hannah zu, daß er vorausgehe, stieg zum See hinunter. Ein Igel lief über den Weg, er hob ihn auf, sah ein auf Märchenformat reduziertes verrunzeltes Menschengesicht zwischen winzigen Ärmchen, rückwärts in Urzeiten verzaubertes, nahm das Tier ins Boot und fuhr nun selbst rückwärts in Urzeiten. Düster der See, wie im Pfahlbaualter, feucht, vom Schatten der Berge belastet. Stärker mit jedem Tag wurde ihm die Fähigkeit, sich aus der Gegenwart zu lösen, fünfhundert Jahre rückwärts, fünfhundert auch vorwärts zu denken. Märchen des Mönchs von Heisterbach wurde dank Übung eines Hirnmuskels Wirklichkeit, und entspannte sich durch die Konträrfigur Chidhers, des ewig Jungen, der, wenn er wieder des Wegs gefahren kommt, Hirt mit dem Stab findet, wo eine Stadt gestanden war.
Aus dem Ablauf der Geschehnisse, aus der Kette der eignen Tage heraustreten können, sich dem Ablauf entgegenstellen, die Zeit aufheben, das gab das spezifische, ihm eigentümlichste Gefühl, in den Ereignissen seines Lebens nur Gast zu sein, der ganz da ist, danach ganz fort sein wird. Das hieß auch, daß eigentlich die andren das Leben ihm vorlebten, er nur Zuschauer war: er sah die Gefahr. Erhob er seine Wanderschaft zum Prinzip, dann schloß er sich nicht nur aus, das wäre das Geringste gewesen — er wurde auch abhängig vom Prinzip, sein Träger.
Ausweg war, zu wechseln; aber Wechsel war selbst wieder nur ein Prinzip, das von andren Möglichkeiten ausschloß. Andrer Ausweg: die Ergänzung im Geist vollziehn: entweder Wandrer bleiben und die Seßhaftigkeit der andren nicht mißachten, oder selbst seßhaft werden und den Vorbehalt, daß das nur eine Handlung der praktischen Existenz ist und durch die Idee des Wanderns relativ wird, frisch erhalten.
Immer schloß sich der Kreis, Ja und Nein gingen ineinander über. Das war die allgemeine Richtung seines Denkens, aber das Problem von Tat und Betrachtung, Praktisch und Elementar, Ja und Nein darum noch nicht gelöst. Er begann zu ahnen, daß er selbst in die Sphäre der Tat geführt werden mußte, daß er irgendwelchen großen Entscheidungen nicht entgehn konnte, daß er sich ganz in Bindung im Dienst eines menschlichen Glaubens begeben, in irdischer Tätigkeit verwachsen, und danach schmerzhaft sich losreißen mußte. Die Ehe mit Claire war eine solche Arena, in der Ja und Nein miteinander stritten, aber es gab wichtigre Angelegenheiten als die Ehe, sie lagen in der Sphäre des Sozialen. Hannah fuhr nach Rußland, und er fühlte: diese Sozialisten, die heimkehrten, um Revolution aus dem ersten Stadium ins zweite, dritte zu führen, wuchsen in Möglichkeiten, die das Problem der Tat geschichtliches Format annehmen ließen.
Er hörte Hannah vom Ufer rufen, nahm sie an Bord. Sie brachte ihren Dachshund mit, sechsjährigen, ältren, in dessen Augen, sprach Mensch mit ihm, so erstaunlicher Funke von Intelligenz trat, und der seine Eigenheiten so ausgebildet hatte, daß Lauda ihn nur mit Mynheer anredete. Der Hund stürzte unter den Sitz, zog sich verwandelt zurück, Lauda ward an den Igel erinnert, hob ihn zu Hannah empor und sagte:
„Tat wam asi, die einzigen indischen Worte, die ich kenne, man braucht nicht mehr.“
Sie lachte, es war ihm Ernst:
„Sieh ihn an, wie menschlich sein Gesicht ist, ein dumpfer verarbeiteter Proletarier. Sahst du jemals in einem Koben Schweine? Erschreckend, wie noch menschlicher sie sind. Wo ist der Unterschied? Die Tiere sind, der Mensch wird; die Mutationsfähigkeit ist der Unterschied, nicht die Seele; denn die Seele ist ein Phänomen der Mutation, eine Beunruhigung zwischen zwei Zuständen. Weil Tiere sind, Kinder aber verlangen, daß ich sie in mein Leben einordne, also eine Mutation vornehme, liebe ich Tier mehr als Kind. Daran wird mir klar, daß eine Abneigung gegen Mutation in mir oder uns besteht, also meine Eigenwilligkeit, meine Abneigung, Ideen und Gebote stärker als mich werden lassen, einem Beharrungsbestreben entspringt — Beharrungsbestreben, Trägheit im Gravitationssinn, ist die Definition von Egoismus. Mag sein, daß wer stolz auf seine Geschlossenheit ist, nur egoistisch ist, und daß, wer sich Vater- und Familienpflichten nicht entzieht, tapfrer ist, gehorsam dem Gebot der ewigen Umwandlung. Was mich zu Tieren zieht, ist die Gemeinsamkeit des Triebs, nur sein zu wollen, nicht zu werden — bei ihnen Gesetz, mir Wunsch. Nicht untertan werden, suverän bleiben: wahrlich, ich beginne auch da eine Gefahr zu sehn.
Seltsame Epopöe, die mein Denken heißt, ich umkreise mich von allen Seiten. Verzeih, du hast die Eigentümlichkeit, daß ich mit dir fessellos diskutiere; jeder, mit dem man zusammenkommt, veranlaßt so zu einer besondren Haltung, die man sofort, automatisch, einnimmt, sooft man ihn wiedersieht. Du wirst noch, an mich denkend, definieren, daß Lauda jemand sei, der mit Damen philosophiert, bevor er mit ihnen schläft. Es gibt niemand, der nicht komisch würde, denn komisch ist, was konsequent ist.“