Bukolischer Tag ward Belohnung solcher Harmonie; Villa im Sinn des Horaz lag am alpischen See unter Bergen, die am Abend rosig erglühten; Verse des Horaz waren nicht mehr gewärtig, aber ihre Rebe und Ulme; kühler Wein zu Mittag, Schatten zum Vesper, Forellen am Abend. Es formte sich das Ideal künftiger Lebensmöglichkeit: ein Haus zu haben in Landschaft, über die die Schauspiele des Himmels ziehn, Sitz der Ruhe und des bestellten Bodens; Gegengewicht gegen Geistigkeit, Obst züchten und Gemüse. Wandrer hätte einen Ort, wo seine Habseligkeiten, Bücher, Gesammeltes waren — Ort, von dem er aufbrechen, zu dem er zurückkehren konnte; Märkte beliefern oder auch nur den eignen Tisch; Fischfang treiben und ländlichen Wein keltern.
Lauda verriet Hannah nichts von ersten Gedanken, damit sie nicht Pläne machen würden; aber als sie sah, daß er sich vom Gärtner Sinn jedes Beets erklären und um den Bezirk des Guts führen ließ, sagte sie:
„Es bleibt ungenutzt, wenn ich fort bin, der Bonne, dem Mädchen und dem Gärtner überlassen; ich wage nicht, ihnen zu sagen, wie lang und wie weit ich fortgehe. Bleibe hier oder benutze es zu Aufenthalten. Mir wäre es ein Dienst und verringerte Sorge um das Kind, dir eine Annehmlichkeit.“
Er saß an ihrem Schreibtisch und dachte: „Ist es poetische Reminiszenz an Romane, ist es Atavismus aus Zeiten, in denen die Menschen nachts zusammenkrochen, ist es einfach Wirkung bürgerlicher Zustände, die die vierundzwanzig Stunden in beschäftigten Tag und freie Nacht teilen — Hannah zeigt wie alle den Wunsch, Liebesstunde in die Nacht zu verlegen. Vielleicht ist es auch der Reiz, eine doppelte Existenz zu führen, tagsüber die eine nichts von der andren wissen zu lassen, den Mann und sich selbst durch den geheimen Gegensatz zu erregen. Wie dem auch sei, mir ist Eros in Tag und Licht am nächsten.“
Er sah ein Heftchen liegen, seine Leere lockte ihn, es zu beschreiben. Unerwarteter Gedanke bot sich an, es mit Feststellungen zu füllen, die sich von allen andren seiner Selbstbeobachtungen durch die Überzeugung unterschieden, daß sie nicht nur halbwahr, sondern von diktatorischer Bestimmtheit seien. Er schrieb der rücksichtslosen Diagramme Laudas erstes:
„Er liebt die Liebesstunde im hellen Tag, denn er will nicht im Dunkel der Frau zerfließen. Sinn der Liebeshandlung ist wohl, daß vom Ganzen abgetrennte Partikelchen zum Ganzen, noch nicht Geteilten, zurückkehren; darum warten die meisten die Nacht ab, Symbol der Rückkehr ins Primäre. Er aber wollte, weil er diesen Sinn fühlte, die Selbständigkeit nicht aufgeben, darum liebte er den Nachmittag, der erlaubte, danach nicht in Schlaf zu versinken, sondern im Licht zu bleiben. Den Verzicht des Partikelchens auf seine Individualität erreichte er auf andrem Weg, indem er die Frau zwang, mit ihm dem dritten Gemeinsamen, der Körperlichkeit, zu opfern, und ersparte ihr dadurch die verlogne Sentimentalität, daß sie glaubte, er gehe in ihr auf, oder sie in ihm.
War aber die Frau von Natur aus sentimental, dann verstand sie solche Parallelität nicht, und stellte fest, daß er den ‚Mensch in ihr beschmutzte‘, denn um das körperliche Opfer, die Bereitwilligkeit zur sachlichen Lust, als reinliche Handlung zu empfinden, in der einer dem andren nur einen Dienst erweist, dazu gehörte das Vermögen, die Würde der Persönlichkeit als Fiktion zu erkennen, unpersönlich, herrisch, elementar zu sein. Aber auch feinfühlige Frauen litten durch ihn, weil sie fanden, daß er sie in sinnlichen Fordrungen, sinnlichen Deutlichkeiten zu weit führe, und sie wahrhaft nackt, seelisch nackt vor ihm waren, der ihnen nicht den Mantel der Scham ließ. Eine Frau mußte von äußerster Leidenschaftlichkeit, also individueller Begierde sein, also Hingabe nicht ‚nur um seinetwillen‘ vollziehn, und sie mußte die äußerste Gewißheit seiner Freundschaft besitzen, um nicht plötzlich in höchster Lust ihrer Einsamkeit bewußt zu werden oder ihre Sicherheit zu verlieren; sie hätte vielleicht weniger Deutlichkeit, weniger Sachlichkeit verlangt, denn wenn er von ihr ging, war ihr das Mysterium für alle Zeit entschleiert und es blieb eine Kenntnis ihrer Sinne, die zugleich wie ein brennendes Gift weiterwirkte und die Begegnung mit einem andren Mann matt erscheinen ließ, in dessen größrer Rücksicht sie die Klarheit Laudas vermißte.
Das fühlend litt er an sich selbst, nicht in dem Sinn, daß er sich für einen Zerstörer hielt, aber die Zerstörung feststellte. Gab sich ein junges Mädchen in seine Hände, wurde es unter ihnen reif — das war Zerstörung und doch nach seiner Auffassung Erfüllung ihres Schicksals. Löste sich eine Frau von ihm, fluchte sie ihm vielleicht und verleugnete ihn — es war zu ertragen.
Er sah durchaus, wie das Positive seines Naturells von einem andren Gesichtspunkt her negativ wirkte: zu wenig Güte, zu wenig Bereitschaft, in seelischen Bezirken zu weilen, zu kurze Behandlung des sogenannten Menschlichen. Er konnte nur sagen: Mensch wird dem Mensch Schicksal. Jene Männerauffassung, die in der Frau das Beßre, Höhre, Reinre suchte, war nicht in ihm, weil er sie Auslegung nannte, tiefer sah, wenn er dem unberührtesten jungen Geschöpf begegnete: die Zärtliche in weißen Mädchenstrümpfen war doch Gefäß aller Erregungen und forderte heraus, auf den Weg des Erlebens gestoßen zu werden — ihr unbewußt, aber er empfand es, dachte nicht wie andre Männer: sie muß geschont werden, sondern: sie will nicht zu sehr geschont sein.
War eine Frau ihm nicht restlos gut, nannte sie ihn sinnlich. Es war wahr und sagte doch nichts aus: er konnte ganz neutral mit ihr verkehren, mußte sie nicht ‚haben‘, aber solche Beziehung war eine Möglichkeit und das Gegenteil eine andre, jene nicht moralisch besser, denn Unsinnlichkeit ist kein ethisches, sondern ein geistiges Prinzip, Vorgang in einem, der manchmal die Sinnlichkeit aufheben muß, um nicht von ihr abhängig zu sein. Er glaubte also in dieser Frage ganz sachlich zu sein, was auch hieß, daß er ganz seinem Naturell treu war. Von andren her hatte sein Naturell Grenzen, von ihm, Lauda, her gab es sich Grenzen, indem es das ausschied, was nicht zu ihm paßte, zum Beispiel Übermaß des Seelischen.“