„Ich gebe hin allen Fortschritt des Jahrhunderts, könnte ich jene Prinzessin sein, deren Geliebter Gott wird, bevor er stirbt. Er wählt sie unter allen, die ihm erlaubt sind, er könnte in den Nächten sie töten, um sie der letzten Grausamkeit zu entziehn, er tut es nicht, man muß sein Schicksal erfüllen. Sie stirbt vor ihm, aber während man sie verstümmelt, fühlt sie die Lust, daß er von ihr essen wird, er Held, für den es keine Auferstehung nach dem Tod gibt.“

Am nächsten Tag erfüllte sich die Szene, die ihn am Morgen vorher imaginär zur Flucht getrieben hatte. Er stand beim Gärtner, da kam Hannah aus dem Haus, an der Hand das Kind. Kein Grund mehr, zu widerstreben, Tat ist gerecht, so einfach. Es war ihm fremd, beim Anblick einer Frau, die sich in der Nacht in seine Arme geflüchtet hatte, am Morgen zu denken, nun sei „alles geändert“, Recht oder Verpflichtung entstanden. Es war auch ihr fremd; Wärme, im Druck der Hand verspürt, war gewachsen, darum nur sachlicher geworden; zwangloser Stolz in ihr, gute Haltung.

Das Kind, abwechselnd zwischen aufrechtem Gang und Kriechen, war unbefangen zu ihm, er zu dem Kind. Seejungen nannte er es, Hannah sah ihn verwundert an, er sagte:

„Auf einem bayrischen See gezeugt, am Zürcher geboren, aufwachsend am Brienzer.“

Sie lächelte, führte ihn in die Ecke des Gartens, bog Gebüsch zurück, zeigte die Statuette eines Jünglings; in der wolligen Haarschur, die wie die eines Stiers war, leise Andeutung tierischer Ohren.

„Pan, von dem du an jenem Tag in Bayern sagtest, er sei nicht bocksbärtiger Faun, sondern Jüngling aus den olympischen Spielen. D’Arigo machte ihn, ein deutsch-spanischer Künstler, der Ähnlichkeit mit dir hat, ich lud ihn auf morgen, mit noch einigen.“

„Laß ihn in die andre Ecke Eros stellen, der die Spannung löst, froh macht, straff, untragisch, wie du heute bist.“

„Ja, seltsam ist es; heute nacht konstruierte ich mir die nächsten Tage mit dir, die letzten vor der Abreise: voll Dunkel, gewalttätig gegen mich selbst sein, gewalttätige Liebe suchen, dann wie eine aufgewühlte Schauspielerin, Gefäß des Tragischen, dorthin reisen, wo das Geschick ins Maßlose wächst, Untergang eines im Bürgerkrieg zerfleischten Volks ist — nichts von allem mehr heute morgen, klar, froh, so hell die Tage vor mir, hinter dem Gewitter.“

„Nein, wir sind nicht gemacht,“ bestätigte er, „im Dunkel zu weilen, seßhaft zu werden in Selbstzersetzung, letzte Heiden, erste wieder.“

Sie war ihm nah, wie nie vorher, es verband ihn mit ihr das Gefühl, Vorstadium der Annäherung, suchendes, zehnmal in Frage gestelltes, sei überwunden, durch Gespräch und durch Handlung; Abstimmung sei erreicht, die große Parallelität, jeder für sich, einer neben dem andren. Ritterlichkeit, die sich um den Freund kümmert, war nicht mehr lügnerische Galanterie — Herzlichkeit der Selbständigen.