Sie sah ihn unsicher an, ihr Mund öffnete sich, zweimaliger Ansatz zum Reden, und Lauda bereute ein wenig, das Gespräch in jene Region geführt zu haben, wo alles Geistige zur primären Sinnlichkeit zurückkehrt, aber sie bezwang sich, fragte ablenkend:

„Und was haben Sie gelesen?“

„Das Eingangskapitel von Eugenie Grandet. Es ist bewunderungswürdig. Das ist Diktatur des Geists, die einzige, die erlaubt ist, Architektur einer Intelligenz, die alle Erscheinungen der realen Welt in Bausteine auflöst, aus denen das Fundament aufgeführt wird. Es ist die anschauliche irdische Welt, die Welt der Anwendung, nicht der Ideen, in denen ich mich bewege. Aber in meiner Welt nicht weniger klar, fugenlos, überlegen zu sein, das ist das höchste Ziel, das noch locken kann. Nur ein Franzose kann Balzac sein, kein Franzose kann der Balzac der elementaren Welt sein, dem doch die lateinische Klarheit unentbehrlich wäre.“

Lauda lag im halben Schlaf und suchte den ganzen zu finden, indem er auf das Rauschen des Falls lauschte, der am Morgen wie der Silberbart Kühleborns gewesen war, da hörte er zweimal ein Steinchen durchs Fenster fallen.

„Auch Undine treibt ihr Wesen,“ dachte er und trat in die Öffnung; weißes Gewand schimmerte.

„Ich kann nicht schlafen,“ rief Hannah hinauf, „die Nacht ist warm wie im Juni, kommen Sie noch in den Garten?“

Sie hüllten sich in Mäntel und stiegen zur gemähten Wiese. Der Bär stand zwischen den Berghörnern, Venus leuchtete wie ein Hospiz auf dem höchsten Grat, die Milchstraße zog gleich Rauch eines Holzfeuers unter der Wölbung, als zwinge die Wölbung ihn, sich auszubreiten.

„Man muß es von unten sehn,“ sagte Hannah und legte wie am Mittag den Mantel, „ich konnte nicht schlafen. Es machte wohl froh, mit Ihnen zu reden, alles Wirre ordnete sich durch Gespräch, Gespräch ist Entspannung. Aber als ich allein war, kehrte alles verstärkt wieder. Es ist ein Unterschied zwischen uns, der des Geschlechts. Mann, der philosophiert, wohnt in seinem legitimen Reich, Frau fühlt nur ihre Tragik. Was haben wir? Die Sehnsucht nach dem Druck, der über uns komme; was sind wir? Die nicht in sich selbst Schwingenden, die Kosmen ohne eigne Achse, um mit Ihnen zu reden, diejenigen, die Geistiges, wie wir es heute sprachen, erst ganz begreifen, wenn es in die Feststellung der letzten Sinnlichkeit einmündet. Warum fügten Sie diesen seltsamen Schluß hinzu, dieses Wort vom Von-den-Hüften-Philosophieren? Ich bin so weich geworden, es widerstrebt nicht, einem Mann zu gestehn, daß ich ihn nicht erreiche. Ich habe in diesen zwei Jahren alle kennengelernt, die in diesem Land für die Selbständigkeit der Frau streiten. Das Höchste, auf das sie hoffen, ist Wahlrecht und Bankkonto ohne Unterschrift des Manns. Es ist eine Fordrung der praktischen Welt und der sanft gewordnen Zivilisation, in der Bahnen fahren. Dahinter liegt die elementare, wie ist ihr das Wahlrecht gleichgültig. Was bin ich? Ein Mensch, täglich dem Einbruch der elementaren Sphäre in die gesittete ausgesetzt. Ahnen Sie, wie er zerrissen sein muß? Was ich Ihnen von dem Verlangen sagte, die Wahrheit durch Zweifel und Haß zu erkaufen, ist nichts als die nie gestillte Begierde, des Elementaren teilhaftig zu werden, damit Existenz in Ordnung erträglich und nicht als feige Lüge empfunden werde. O Freund Lauda in schweigender Nacht, die Dinge des mexikanischen Romans haben mich tiefer aufgewühlt als das extremste Programm. Helfen Sie einem Stolz, der vor Ihnen das Visier öffnet. Sei mir Bruder, da Brüderlichkeit Gerechtigkeit ist.“

„Brüderlichkeit,“ antwortete er so leise, wie sie gesprochen hatte, und ihr so nah wie sie ihm, „ist ein andres Wort für Inzest. Bruder nimmt die Schwester, es vereinigen sich die Getrennten. Wenn wir anfangen, geistig zu sein, überwinden wir die Sinnlichkeit, wenn wir es ganz sind, kehren wir zu ihr zurück. Ich wehrte mich, es ist gleich, was geschieht. O warme, brennende Schwester.“

In seinem Arm sagte sie: