Er sah nach dem Titel, es war ein Roman, der die Erobrung Mexikos durch Cortez behandelte.
„Erzählen Sie aus Ihrer Erregung,“ sagte er. Sie:
„Im Land der Azteken herrscht unerhörter Luxus und unerhörte Grausamkeit. Sie reißen den Gefangnen das Herz aus der Brust, bieten sich selbst als Opfer dar. Sie essen das Fleisch der Geopferten in Mais gebacken, nicht mehr Kannibalismus, religiöse Handlung. Ein Krieger hat sein Leben verwirkt. Man schmückt ihn, läßt ihm eine Woche lang jede Freiheit, er wird nun strahlender Gott geheißen, der unter Menschen weilt, jede Frau, zu der er geht, muß ihm zu Willen sein; doch bei diesem ist sein junges Weib, die zärtlich Schöne. Am letzten Tag setzt man ihm ein Gemüse vor, darin sind die Geschlechtsteile seines Weibes gekocht, er ißt, unbeschreiblich Schmerz, Stolz, Demut in ihm. Danach geht er zum Tempel, um sich das Herz aus der Brust reißen zu lassen; Volk bewundert, liebt und bleibt doch mitleidlos. Ist diese Mitleidlosigkeit nicht Sinn für ein Gesetz über uns, Symbol einer Philosophie, in der das Heroische noch die Größe des Barbarischen hat, die Götter grausam sind? Welch tiefer, gerechter Sinn, den Todgeweihten zum Gott zu erheben, solang er noch im Licht lebt, denn das Jenseits ist unsicher. Ist das Schlachten der jungen Frau und der teuflische Einfall, ihr Weiblichstes dem Gatten vorzusetzen, kannibalisch?
Ich fühle die Idee, die denkende Verkettung, die Dämonie darin, die Inbrunst, die Menschen heißt, Reiche zu gründen und Blumenfeste zu feiern, und den Stoizismus, der von Tod und Schmerz als den elementaren Wirklichkeiten weiß. Ich mag nicht mehr denken, denn die nächste Frage ist: waren die Deutschen nur Dummköpfe und Verbrecher, als sie den Krieg zur Achse ihrer Zivilisation machten? Waren die Spanier, Herde von Abenteurern, besser als die Azteken, die sie ausrotteten, um des Glaubens und Gottes willen?“
„Verbrecher und Dummköpfe waren jene nicht,“ antwortete Lauda, „selbst ihr Einfall in Belgien war nicht schlimmer als der Krieg, den Engländer gegen Buren führten. Expansion und Imperialismus eines Volks sind biologisch oder philosophisch gesehn nichts als das Bestreben eines Kosmos, der in sich einheitlich rotiert, die Nachbarzellen in sein System einzubeziehn und zur Stoffwechselgemeinschaft zu zwingen. Es ist der Grundvorgang alles Geschehns, und diese Vitalität empfanden die Deutschen wohl, sie hatten eine Philosophie, die auf die ältesten Urzustände zurückgriff. Und doch ist diese Philosophie ein verlorner Posten, denn der Mensch ist, wie jeder Kosmos, dem Gesetz der Mutation unterworfen. Schon die Bildung eines in sich rotierenden Kosmos ist Überwindung des Urzustands, in dem Zelle Zelle auffrißt. Zelle und Zelle gehn bereits eine Gemeinschaft ein. Der Begriff der Brüderlichkeit, der als Idee Güte heißt, beginnt den Kosmos von sich aus umzuschichten. Das ist der Sinn des christlichen Begriffs und seine Überlegenheit, die auf die Dauer den Sieg über die grandiose Barbarei eines aztekischen Systems davonträgt. Flache Köpfe sagen, der Krieg sei eine Verirrung, klare leugnen nicht, daß er der Vater aller Dinge war, aber sie fügen hinzu, daß er veraltete Methode geworden ist. Es gibt ja zwei Grundtatsachen der Existenz, ich und die andren, deshalb sind Egoismus und Brüderlichkeit gleichberechtigt und der Brudergedanke zuletzt der stärkre. Die Deutschen werden den Krieg verlieren und büßen, wie nie in zivilisierter Zeit gebüßt wurde; sie werden nicht nur für sich büßen, sondern für alle andren, die erst im Begriff sind, das kriegerische Prinzip aus sich auszuscheiden — sie werden also für die Gesamtheit der Völker ein Problem, das ein wahres Menschheitsproblem ist, durchkämpfen, und die andren werden von diesem Bruderdienst nichts wissen, sondern nur rufen: kreuzige sie. Das wird die Ungerechtigkeit sein, gegen die Deutschland wehrlos ist, und es wird seine Entsühnung sein. Fühlt man das, so ist es schwer, noch zu der Schuldfrage in der Tagesform Stellung zu nehmen. Aber es wird gut sein, von dieser höchsten Betrachtungsweise gar nicht zu sprechen, weil es neben ihr, der elementaren Sphäre, die Fordrung der praktischen Welt gibt, in der man nicht anschaun, sondern Stellung nehmen muß.“
Hannah sagte, zärtlich für einen Augenblick das Sie verlassend:
„Du sprichst weise wie ein Gott, erhaben und unberührt. Sagen Sie mir, ob Sie nicht auch wie ich vorhin das Bedauern empfinden, daß die großen elementaren Perioden so in uns sterben müssen und nur noch in Büchern mühsam rekonstruiert werden, unverweilende Erregung einer Stunde.“
„Als ich gestern das Tal herauffuhr, beobachtete ich, daß mitten in Mulden, durch die nun die Eisenbahn läuft, Moränenreste, ungeheure Ablagrungen von Gletschern liegen, die auch die Wände des Tals bis zur äußersten Höhe ausgeschliffen haben. Ihre Zeit ist vorüber. Als ich heute auf der Höhe stand, bleichten zwischen Moosteppich und starrenden Tannen Blöcke wie ein entblößter Kirchhof von Mammutschädeln. Die Zeit der Mammutschädel ist vorüber. Auch die Natur ist an das Nacheinander gebunden, und was uns erlaubt wird, ist, als späte Nachkommen eine Erinnrung an das Elementare zu haben. Wir sind mehr als alles an das Nacheinander gebunden, und unsre Kunst ist in ihrer letzten Absicht ein Versuch, die Möglichkeit, die nicht mehr besteht, zu rekonstruieren; Kunst ist Ergänzung.
Aber wer sagt, daß darum ein aufwühlender Eindruck wie der Ihrige nur Unterhaltung einer Stunde sei? Er durchsetzt Sie ja, wird weiter wirken und vielleicht schon heute abend einen Einfluß auf die Gestaltung Ihres Lebens haben, der ohne diese Lektüre unmöglich gewesen wäre. Wenn es uns gelänge — vielleicht gelingt es einmal — eine einzige unsrer Ideen in ihrer Chemie darzustellen, dann würde sich zeigen, daß in einem Traum, einer Handlung, einer Vorstellung dieselben Elemente gebunden sind, die in irgendeinem heroischen Zeitalter ungebunden, elementar vorhanden waren. Um ganz weise zu sein und Ihr spöttisches Kompliment zu verdienen: alles ist Variation, fortwährende Verbindung und Scheidung, nur das Format wird immer kleiner und reduzierter.
Die innre Kosmogonie ist noch nicht gefunden, wäre sie es, würde ich sagen: Hannah, Sie sind ein Stern aus Milliarden Sternchen, ich neben Ihnen wie Jupiter neben dem Abendstern; das ist die neue Religion, des Himmelskörpers Mensch. Es gibt einen Grad von Identifikation mit den Mitmenschen, der mir manchmal wie Irrsinn erscheint. Ich sehe eine Frau und philosophiere von ihren Hüften aus, fühle, höre das Rasen ihrer Zellen, steige in ihren Säften, breite mich in ihren Ästchen aus, aufgehoben jede Fremdheit, jeder Ekel. Lust, nach ihr zu greifen, sie durch Akt des Eros in mich zu überführen, dieses kannibalische Stadium, das wir Liebe nennen, wird ersetzt durch das geistige und darum nicht weniger absolute, mich in ihr zu wissen, Blutkörperchen in ihrem Blut.“