Hannah: „Gleichwohl wirst du auf die Dauer nicht umhin können, Ausgleich, mittlere Linie zu wählen, denn soviel glaube ich zu verstehn, daß Durchführung der Aufhebung in der Praxis zu einem reinen Nein führen muß, da Leben in einer fortlaufenden Reihe positiver Angebote besteht. Wenn du alles, woran Menschen glauben oder auch nur ihre Energie setzen, aufgehoben hast, bleibt nur noch übrig, die Existenz selbst aufzuheben, Nein zu ihr zu sagen.“
Lauda: „Gut Dialektik getrieben, Frau Hannah; du vergißt, daß danach Aufhebung des Nein sich automatisch einstellen, zum modifizierten, durchdachten Ja werden wird, und daß ich nicht ein solcher Pedant sein werde, von diesem zweiten Ja zum zweiten Nein und so fort in Ewigkeit weiter zu gehn.“
Hannah: „Und wenn die Bereitwilligkeit, Ja zu sagen, eines Tags versagt?“
Lauda: „Stürzt alles zusammen wie in jedem, der nicht an absolute Werte glaubt. Du selbst fandst ja an jenem aztekischen Paar schön, daß es für die, die zum Tod verurteilt sind, kein Wiedersehn im Jenseits gibt, und zogst daraus die wahre, einzig starke, heroische Stimmung der Tapferkeit.“
Hannah: „Wohl wahr. Für dich aber wünsche ich die Tat, mein Vorschlag ist nun nicht mehr, das Haus in meiner Abwesenheit zu beziehn, sondern — komm mit mir nach Rußland, stürze dich in den Strom, er trägt den, der nicht schwer ist.“
Lauda: „Was versprichst du?“
Hannah: „Alles, was auf der Linie der Tat liegt, die Dämonie der ersten Zustimmung, die zu Konsequenzen führen könnte, vor der unsre Menschlichkeit zurückschreckt, solange wir noch nicht Kausalität, Folgerichtigkeit, Unerbittlichkeit untertan werden. Oft in den Worten der Russen weht es mich wie Entsetzen an, weißt du, was Jakobiner waren?“
Lauda: „Menschen, die von der Idee der Gerechtigkeit und Gleichheit ausgingen, dank Macht der Logik und der Verhältnisse damit endeten, die Brüder aufs Schafott zu schicken. Darauf willst du doch wohl hinaus?“
Hannah: „Schreckt es dich?“
Lauda: „Nicht im persönlichen Sinn, warum soll man nicht sterben — ich kann es jederzeit. Wohl aber im geistigen. Ich will nicht Sklave der Logik werden, die ich die Hure nenne, nicht mehr weder vorwärts noch zurückkönnen, es sei denn durch Blut. Lockt es dich?“