Hannah: „Es lockt. Es ist in der neuen Taktik, von der die Russen reden, eine Größe, die sie selbst erst ahnen. Für sie ist die Frage Evolution oder Revolution nicht nach der lahmen Manier ihrer deutschen Genossen zu lösen, sondern nur durch die Antwort: Revolution in einem bisher unbekannten Grad von Entschlossenheit — Diktatur. Um mit dir zu reden, dieser Begriff ist Mittelpunkt, Achse, um den sich alles ordnet, die Mittel, die Ideen, die Argumente. Man fühlt sich körperlich, in seiner inneren Zusammensetzung, fester, gedrängter, rascher rotierend werden. Es war niemals da, daß ein Wagen voll Leute in ein Riesenreich fährt, um es zu erobern — es ist so kühn wie der Zug des Cortez, und sie wissen: keiner kommt zurück, es geht um ihr Leben.“
Lauda: „Also kommst auch du nicht zurück, wenn ihr nicht Erfolg habt?“
Hannah: „Nein. Eben darum gehe ich mit ihnen. Nenne es das Unterordnungsbedürfnis des Menschen, seinen Zwang, sich einen Gott zu schaffen und ihm gehorsam zu sein — wir wollen alle Erfüllung, Gesetz, Glauben, wir suchen alle die Achse.“
Lauda: „Und wenn ihr Rußland erobert habt?“
Hannah: „Wird zum erstenmal menschliche Gesellschaft radikal aus der Idee gestaltet, Weg der Natur verlassen, der ein Umweg, langsame Evolution mit allen Zwischenstufen und Kompromissen ist. Du, der von Mutation und Selbständigwerden eines Organs wie dem Hirn sprichst, sollst du nicht an die Möglichkeit solchen Versuchs glauben?“
Lauda: „Ich beginne die Tragweite eurer Fahrt zu begreifen. Sagtest du nicht, jedes Mittel sei ihnen recht, selbst Pakt mit Ludendorff, da sie nur ihr Ziel wollen? Unsympathischer Jesuitismus, doch verständlich. Es wird der Versuch sein, die Idee über die Geschichte zu setzen, den Intellektuellen zum Schöpfer zu machen. Fast könnte es mich verlocken, mitzufahren — laß, ich tue es nicht; warum? Mein Instinkt warnt mich, die Summe meiner Lebenskräfte. Schlösse ich mich an, könnte es sein, daß die Logik mich zwänge, Kriegsminister in Petersburg zu werden oder dem Standgericht zu präsidieren. Die Dämonie der Logik wird teuflisch sein. Hannah, wärst du bereit, Jakobinermegäre zu werden?“
Hannah: „Niemand weiß, was aus ihm wird, wenn die Hemmungen fallen. Im Anfang war die Tat, denn Existenz ist Eintritt in die Handlung, Gott ist die Tat, Nichthandlung ist Nichtexistenz.“
Später im Zimmer allein, dachte Lauda diesen Dingen weiter nach. Für Hannah gab es keine andre Möglichkeit als solche „Tat“, mochte sie nach Rußland führen oder in andre Sphäre, denn sie war Frau und das hieß, wenn der Ausweg, Hausfrau oder Lehrerin der heranwachsenden Generation zu sein, verschmäht wurde, tragisch sein, nicht in sich selbst Ziel finden. Das Jahrhundert verlangte die Emanzipation der Frau, aber das war Beglückung nur für diejenigen, die mit festen Füßen in der Irdischkeit standen. Für die andern, die den Instinkt des Absoluten hatten, also den Gegensatz zwischen Ego und Gesellschaft empfanden, Erfüllung des Ego für wichtiger hielten als Dienst in der Gesellschaft, gab es nicht den männlichen Ausweg, geistiger Kosmos zu sein, durch den alle Ströme, alle Existanzen der andren fluten.
Im Mann deckten sich Sinnlichkeit und geistige Energie, in der Frau nicht. Mann konnte Pantheist sein, Zusammenfassung der Welt — die Frau? Nein. Seltsame Erkenntnis im Zeitalter der siegreichen Demokratie, in dem angelsächsischer Feminismus die Welt eroberte. Aber daraus eine Apotheose des männlichen Primats machen, Geltung als Prophet der Virilität erlangen wie noch Nietzsche? Das war für ihn verlegter Weg, obwohl er die Möglichkeit sah, durch ihn Wirkung zu erreichen, denn das Geheimnis der Wirkung war, den Zeitgenossen einen Kristallisationspunkt zu bieten, um den sich das Chaos des Denkens lagern konnte.