Er war vielmehr unbedingt für Emanzipation der Frau; menschlichen Wesen nichts versagen, was ihnen das Gefühl gab, ausgeschlossen zu sein. Unmöglich, eine Lehre aufzustellen, die dem Schöngeist erlaubte, von der Überlegenheit des Manns zu reden, mochte diese Überlegenheit auch existieren. Es war einfach Einsicht in die Konsequenzen, was ihn abhielt. Was ausgesprochen wahr war, wurde gelehrt falsch, stieg in die Arena des Praktischen herab und diente nur der Reaktion, den Konservativen, den Vereinsrednern, die sich dumm in Männlichkeit spreizten, weil sie ahnten, was Männlichkeit war, und es doch nicht gereinigt sichtbar machten.
Er konnte es auch so ausdrücken, daß er die Ansicht, die Frau habe die schwächre Position, ursprünglich gar nicht mitgebracht hatte, vielmehr von der Tatsache ausgegangen war, daß Wesen der gleichen Gattung a priori Recht auf Gleichheit besaßen — seine Art von Ritterlichkeit, die auf dem Begriff Würde beruhte, eine geistige Ritterlichkeit. Erst empirisch war er gezwungen worden, diese Bereitwilligkeit aufzugeben und zwischen den Geschlechtern einen Unterschied der Denkenergie festzustellen, für die es dann Gründe konstitutioneller Art zu finden galt.
Wenn männliches Denken darin bestand, daß das Hirn ein Hemmungsapparat war, in dem sich die Weltkraft brach, also Sichtbarkeit erlangte, prismatisch in ihre sämtlichen Strahlen zerlegt wurde, sich gedanklich rekonstruierte, dann war der weibliche Kosmos diffuser, nicht imstand, die gesamte Sinnlichkeit der Existenz in sich aufzunehmen, ohne von ihr vergewaltigt zu werden — er war unfähig, das Material restlos zu verarbeiten, in Geist zu überführen; er war materieller.
Fragte sich nur, ob der so fruchtbare Gedanke der Mutation, die Möglichkeit, aus Funktion selbständiges Organ zu werden, nicht auch der Frau die Freiheit von der Funktion in Aussicht stellte. Kaum ein Zweifel, daß durch bewußte Züchtung und Vermeidung jenes Zustands von neun Monaten, in dem die Frau ins Geschlecht zurückkehrt, das Funktionelle reduziert werden konnte; aber das Ergebnis war — eine Karikatur des Manns; der Kopf eines alten Philosophen war machtvoll, der einer greisen Frau vielleicht klug, mild, gütig — alles Werte, die aufs praktische Leben verwiesen. Es war nicht einfach so, daß der Mensch in einen männlichen und weiblichen Teil zerfiel und der durch die Frau ergänzte Mann mit der durch den Mann ergänzten Frau identisch gewesen wäre.
Das alles vom Absoluten her; in der sozialen Sphäre spielte der Unterschied der Geschlechter eine so geringe Rolle, daß hier die Fordrung der Gleichberechtigung Postulat sein durfte. Daß es nicht weiblichen Plato und Kant gab, damit konnten sich die Frauen abfinden in einem Zeitalter, das von absoluten Ideen zu praktischen, wie denen der großen Revolution übergegangen war — der Mensch war bei seinem rationalen Stadium angelangt, die heimkehrenden Senegalneger würden die Keime einer Mutation mitbringen, die sogar Afrika aus der irrationalen Epoche des Kriegs herausführen mußte. Die letzten Irrationalisten in Europa waren die Deutschen, sie waren im Begriff, ihre Lehre zu empfangen.
Was blieb Hannah, wenn das russische Abenteuer erledigt war und sie dabei nicht das Leben verloren hatte? Der Sprung in ein neues Abenteuer — das eben war die weibliche Tragik. Er dachte an die Erzählung, die in Brüssel Leutnant Berger vorgelesen hatte, darin die Figur Nellys, die wie Schwester Hannahs war. Ihre Biographie ein fortlaufender Versuch, den Durchbruch des Absoluten zu erzwingen — am Ende heiratete sie den, den sie schon am Anfang hätte heiraten können, Rückkehr zum Gegebnen, der Arena.
Am nächsten Tag begleitete er Hannah nach Interlaken; sie machte Einkäufe für die zum Abend erwarteten Gäste.
Der Ort gefiel ihm, weil sein Aufbau so klar war, daß er sich beschreiben ließ. Gegebne Punkte waren Ende des einen Sees, Anfang des andren. Zog man dazwischen eine Gerade, so erhielt man die Linie der Hotel- und Geschäftssiedlung. In der Mitte war sie nur auf einer Seite bebaut, auf der andren der Promenadenweg mit dem Musiktempelchen, dahinter Wiesen, die bis zu den Bergen gingen, Grasebne, Sitz der melancholischen Frösche.
Wo die zweiseitige Bebauung wieder begann, stand ein Pavillon; Korbstühle, Spiegelscheibe vor Patisserie, heitre Tischchen. Einkäufe besorgt, lud er Hannah dahin ein, war zauberhaft versetzt in Kurortsommertage, wie es sie vor dem Krieg gegeben hatte: Kurgast der unbeschwerte Mensch, der Landschaft und Zivilisation freundlicher Gasthöfe genoß, als gebe es nicht Bergwerk, Armut, harte Fron, und Reisen sei die legitimste Handlung in einer Welt, die glücklicher Garten ist.
Er war froh an diesem Tag, leicht, so jung, Fähigkeit ganz, im Augenblick zu leben; die Freundin entspannt wie er, Gefährtin des Augenblicks; Rückkehr nachher zum Schiff schon frohe Erwartung, Versprechen für den Körper, sich spielerisch zu bewegen.