Da kam mit schleppendem Gang ein junger Mann daher, gebeugt der Nacken, als trage er die Last der Welt. Unlust in Lauda und zugleich ungläubiges Erkennen: so ging Thomas Schreiner.

„Der erste der Gäste“, sagte Hannah, rief ihn an. Lauda sah zum zweitenmal das Gesicht, das wie das eines war, der Sträfling in den Bergwerken gewesen ist und seinen Groll verwandelt hat in den gegen die arme Bestialität der Menschen, die nur durch Mitleid überwunden werden kann; in den Augen drohende Auffordrung, es mit ihm zu bekennen, die Verurteilung der Mächtigen.

Schreiner begrüßte ihn gleichgültig, als wollte er sagen: Du bist deren einer, die sich dem Einfluß meiner Ideen entziehn werden, darum existierst du nicht für mich; danach überreichte er Hannah einen Band:

„Mein Buch ist erschienen.“

Hannah war interessiert und höflich, Schreiner lächelte schwer:

„Ein Buch, das mehr sein wird als Literatur, Abschluß zweier entsetzlicher Jahre. Lesen Sie, lesen Sie; wenn Sie danach nicht zur Tat übergehn, war alle Qual umsonst.“

Explosion einer Düsterkeit in der Ehrgeiz und Fanatismus schwelten. Lauda nahm den Band, las folgende Stelle: ein Arbeitersohn, dank einem Mäzen der hohen Schule zugeführt, durch Einstellung der Zahlung plötzlich wieder von ihr ausgeschlossen, schleicht durch den lichten Tag, dumpfe Empörung der Erwachsnen in dem mißhandelten Kind. Er sieht in einer Kutsche ein Mädchen der Reichen vorüberfahren, Locken, nackte Beine, meergrüner Musselin. Da bricht in ihm ein Gefühl durch, das der Dichter mit dem Satz umschrieb: ihm, dem Proletarierkind, wurde klar, daß hier ein ungeheures Menschheitsverbrechen vorlag.

Lauda schloß den Band. Revolutionäre Gesinnung mochte stark sein; Fähigkeit, Gesinnung in anschauliche Form zu übertragen, war nach dieser Probe mäßig. Hätte der Knabe noch empfunden: dieses nackte Mädchenfleisch ist nicht für dich; wenn es das einer jungen Frau geworden ist, wird es sich einem Herrensohn entschleiern — nein, er mußte statt dessen die Notwendigkeit des Klassenkampfs empfinden. Lauda saß einem Menschen gegenüber, der, weil er nur Moralist sein wollte, in Wirklichkeit Dualist war, das Unmoralische nur dadurch aus der Welt schaffen konnte, daß er es totschlug — Zwangsmonismus. Er saß seinem Antipoden gegenüber, Feststellung, die er schon einmal vor zwei Jahren beim ersten Anblick Schreiners gemacht hatte.

Aber nun war auffällig, daß diese Feststellung nicht mehr genügte, verflogen seine beschwingte Laune. Als Hannah das Zeichen zum Aufbruch gab, schlug er ihr vor, mit Schreiner allein zu fahren, er werde das Abendschiff nehmen; und er bat sich Schreiners Buch aus. Sie gingen, er begann zu lesen.

Es waren bessre Stücke darin als jenes, in dem er geblättert hatte. Schreiners Leistung bestand darin, daß er für all diejenigen, die längst stumpf über die Todesangaben der Heeresberichte hinweglasen, weil ihnen die Anschauung auch nur eines Tods fehlte, solches Einzelsterben herausgriff und sie so zwang, sich vorzustellen, was da draußen an Grauen und in der Heimat, etwa im Herz einer Mutter, an Leid geschah. Man mußte anerkennen, hier stemmte sich mit allen Mitteln des anschaulichen Worts ein einzelner Mensch der Gleichgültigkeit, dem Gewährenlassen aus Hilflosigkeit, dem zynischen Optimismus entgegen, gestaltete die Idee der Menschlichkeit, deckte Qual der Erleidenden nicht mit pastoralem Trost zu, sondern riß sie auf, wühlte in ihr, damit der Aufschrei erzeugt wurde und der Haß gegen den Gehorsam.