Lauda zweifelte nicht mehr, daß das Buch den großen Erfolg haben und Kristallisierungspunkt aller unterirdischen und noch nicht zu benennenden Auflehnung sein werde; unausgesprochne Lehre des Buchs war: ein Anfang muß gemacht werden, ich will das schleichende Gift sein, das eure Bereitschaft, Kredite und Menschen zu bewilligen, lähmt. Daß jede Szene der beiden symbolisch einander gegenübergestellten Kinder verriet, wo solche Gesinnungskunst vermutlich endete, bei der direkten Tendenz, die künstlerische Ohnmacht hieß, war zunächst nebensächlich.
Einen Augenblick dachte Lauda: Es ist mir einer zuvorgekommen, stellt ein paar Monate früher als ich die grundsätzliche Frage; dann: diese Feststellung wirst du heute abend und fortan noch öfter machen, und ahnte, daß in dem seinem Willen nicht zugänglichen Dunkel der innren Vorgänge sich ein Plaidoyer des natürlichen Egoismus vollzog, einflüsternd, er möge auf den schon gewiesnen Weg nicht folgen.
Wichtiger als dieses Rudiment einer Versuchung war, daß ihm die Rückkehr aus der absoluten Sphäre, in der es keine Wertung gab, in die praktische, in der er, nach eignem Entschluß, Stellung nehmen mußte, als das Ende der schönen, naiven, überlegnen Zeit erschien; solang sie angedauert hatte, war der Krieg für ihn Verirrung der andren gewesen, die ihn nichts anging und erlaubte, abzuwarten, bis ein Geschehnis sich erschöpfte und nur eine Reihe neuer Zustände schuf, in denen es danach zu leben galt.
Es war nicht anders, als nehme er von seiner Jugend Abschied. Aber wie denn, dann war ja jene Zeit der Anschauung und der behaupteten Suveränität nur eine Vorbereitungsphase und er, Lauda, wie der Held eines Entwicklungsromans zu dem verurteilt, was er verwarf, dem System des Nacheinander, da dessen Wesen war, daß einer immer das letzte Erlebnis und die daraus gezogne Weltanschauung für die allein richtige hielt und seine Vergangenheit gering schätzte?
Was war mit ihm? Vorstellung von Klarheit, Helle, Heiterkeit, heidnischer Ablehnung der Feminität stand nicht mehr im Mittelpunkt, sondern entfernte sich wie ein Stern, der die Kulmination überschritten hat, stand seitlich. Und doch, wenn er an Thomas Schreiner oder die Russen auf dem See dachte, wußte er, daß seine Grundstellung den Dingen gegenüber bleiben würde — was also lag vor?
Ein Zustand kam in dieser Nachmittagsstunde über ihn gleich der Selbstversenkung eines Buddhisten; Zeit und Raumgefühl hoben sich auf wie im Schlaf — da erkannte er das Gesetz, nach dem er lebte: Rückkehr in die gestaltete Welt war der Preis, durch den er sich den Aufenthalt in der anschauenden Sphäre stets neu erkaufen mußte; und sie war die Rechtfertigung dieses Aufenthalts. Dauernder Aufenthalt, ein für allemal feststehendes Philosophiesystem hätte den menschlichen Angelegenheiten entfremdet: er mußte sie von Zeit zu Zeit so restlos miterleben, als gebe es nur diese Arena.
Das Seltsame war, daß dieser Wechsel seinem Willen sich entzog; das Gebot stieg aus dem innren Kosmos, war nichts als eine Meldung der bereits vollzognen Verschiebung — nie hatte er das Geheimnis der Vitalität stärker empfunden, fast war ein Grauen, als niste da unten in ihm ein zweites tierhaftes Lebewesen.
Und er ahnte, daß das Bewußtsein, auf die Dauer doch den Ideen, denen er sich nun hingeben mußte, überlegen zu sein, ihm nichts von den Kämpfen, nichts von den Qualen ersparen würde, die von denen, die er die Femininen nannte, erlitten wurden. Suveränität war ein Regulativ, kein dauernder Zustand des rotierenden Himmelskörpers Mensch. Ein Gefühl stellte sich ein ähnlich dem, als er von der Militärmaschine im Augenblick, als er die rettende Grenze hatte überschreiten wollen, gepackt worden war, Gefühl des Zwangs und vergewaltigender Monate, die unentrinnbar waren.
Suveränität war nicht behaglicher Landsitz eines, der klüger als die war, die sich in den Städten mühten; nicht Vorteil eines, der die andren für Narren erklären konnte, weil sie sich mit den Ideen herumschlugen; triumphierender Egoismus war nicht erlaubt.