Während Lauda sich zum Abend umzog, vernahm er im Garten die Stimmen der Gäste; man redete englisch, französisch und deutsch in reiner, schweizerischer und fremdländischer Aussprache. Als er ans Fenster trat, bemerkte er Graumann, den Mann, von dem Hannah geschieden war, so beleibt und lebhaft wie ehemals in München. Er war froh, ihn zu sehn, er hatte ihn gern, und es war ein bekanntes Gesicht.
Graumann unterhielt sich mit einem untersetzten Herrn, der Schweizer Dialekt sprach und aussah, als sei er gewöhnt, vor Volksversammlungen auf der Rednertribüne zu stehn, nicht eben wählerisch in Gesten und Argumenten. Da öffnete sich das Gebüsch, in dem d’Arigos Büste stand, und es trat ein junges Paar heraus, gleich durch herrenhafte Schlankheit — Volk mußte empfinden: sie sind schön.
Das Mädchen war Miß Lilian, die Lauda geentert hatte, der Mann gab ihm ein seltsames Wort ein: Bruder, nicht im übertragnen Sinn, sondern im physischen. Er sah seinen eignen Kopf, vielleicht war das Profil geschnittner, kameenhaft griechisch, und der Körper durch Sport durchgearbeiteter, aber am ähnlichsten der Hauch einer Geistigkeit, die untertan zu werden ablehnte — fast hochmütig bei diesem und in dem kleingeformten Kopf viel Eigensinn. Er vermutete, daß es d’Arigo war, und sich erinnernd, daß Miß Lilians Jacht Caramba hieß, reimte er Beziehung von ihr zu dem Künstler, von dem Hannah gesagt hatte, daß er Deutschspanier sei.
Lauda ging hinunter, begrüßte den Mann, der an dem Tag, an dem er mit Hannah auf dem bayrischen See gewesen war, den Browning vor ihn gelegt und gesagt hatte: „Damit könnte ich mich erschießen, oder Sie, oder erst Sie, dann mich, keins von den drei, ich hatte nur daran gedacht.“ Zeichen seiner Sachlichkeit auch, daß er im Haus seiner Frau verkehrte. Hannah trat hinzu, nahm Laudas Arm, ihn mit den Gästen bekannt zu machen.
„Es ist, Lilian als Freundin d’Arigos für sich gerechnet, eine einzige Frau dabei,“ sagte sie, „dort das ältliche Mädchen, Madeleine Betz, Elsässerin von deutscher Mutter, eingebornem Vater; solches Mischverhältnis bestimmte sie, war ihr vor dem Krieg Glück und Vorzug, jetzt ist es ihre Qual. Sie war in Paris und Berlin zu Haus, fand ihre Aufgabe darin, Fäden zu knüpfen, wurde als Pazifistin in Deutschland nur von literarischen und einigen bürgerlichen Kreisen aufgenommen, in Frankreich höflicher und mondainer behandelt, Männer der Öffentlichkeit schätzten sie dort.“
Lauda ließ Hannah ausreden, aber Madeleine Betz war ihm bekannt. Er empfand sich selbst nicht als Elsässer, obwohl er in Straßburg aufgewachsen war, vor der Auswandrung des Vaters nach Holland. Noch einmal danach hatte es eine Zeit gegeben, wo er sich für elsässische Möglichkeiten interessierte, und was Madeleine Betz zu einem Programm erhoben hatte, war für ihn Versuchung gewesen: Vermittlung zweier Völker zu dienen. Er hatte damals, ein Semester opfernd, die Straßburger Gesellschaft studiert; aber was er vorfand, war eine Bourgeosie, die Inzucht trieb, ein verblaßtes Salonideal pflegte, geistig in den Ideen aus der Zeit vor der Amputation lebend, sie durch gelegentliche Reisen nach Frankreich bestärkend.
Er hatte geurteilt, dieses Kleinbürgerland ohne eigne Tradition, von je dazu verurteilt, von einem Erobrer verwaltet zu werden, sei nicht geeignet, Pfeiler der Brücke von Frankreich nach Deutschland zu sein — Urteil, das vielleicht voreilig war, aber ihn bestimmte: er hatte darauf verzichtet, Wirkung in der Provinz zu werden, und war nach Berlin gegangen.
„Auch ein Lothringer ist anwesend,“ sagte Hannah, wies auf einen untersetzten Mann, der mit dem gleichgebauten Schweizer redete, „hast du Blick dafür, daß sie nicht nur dasselbe Format haben, sondern auch Gleichheit der Bewegungen und der lauten Sprache? Sie sind beide Sozialisten, beide Volksredner von erprobter Wirkung, die weniger geistig als elementar ist. Der Schweizer ist Doktor Nüßli vom Züricher Blatt, augenblicklich ein wichtiger Mann, weil er sich bemüht, die Partei für die Taktik der heimreisenden Russen zu gewinnen.
Der Lothringer ist Virgile Spieß, Vertreter eines Industriebezirks im Reichstag, wandte sich am vierten August sofort gegen den Beschluß der deutschen Sozialisten, die Kredite zu bewilligen, kam über die Grenze, erklärte, der Frankfurter Vertrag sei hinfällig geworden, Elsaß-Lothringen werde zu Frankreich zurückkehren — der erste Deserteur aus Grundsätzlichkeit, den du siehst. Um die Sozialisten gleich zu erledigen, ist noch Thomas Schreiner da, der zu den Unabhängigen gehört und schwankt, ob er nicht Kommunist im Sinn Kropotkins sei, dessen Bücher seine Bibel sind, sodann Doktor Shiller, ein Deutschamerikaner, der nun in Zürich Fühlung mit Mitgliedern der deutschen Opposition sucht, und Mitrofan, einer der heimreisenden Russen, der ohne Einladung kam, mit dem Auftrag, darüber zu wachen, daß ich mich meinem Versprechen nicht entziehe.“
Es war weder schwer, den blonden Amerikaner herauszufinden, noch den Russen mit dem Popenhaar. Blieben zwei Herrn, der eine magrer Methodist, der andre kleine ein Poet romanisch melancholischer Prägung.