Er hörte Madeleine Betz zu Mitrofan sagen:

„Wenn Sie so zu mir sprechen, funkelnd vor Energie, verbissen vor Entschlossenheit, empfinde ich etwas, was Sie nicht verstehn werden, die Abneigung der Frau vor der Vitalität des Manns, dieser triumphierenden, zu sinnlichen Herausforderung. Ich sah Offiziere auf Urlaub im Familienkreis, sie waren gütig gegen die Ihrigen, höflich gegen Fremde, aber wenn die Rede auf gewisse Augenblicke ihrer Tätigkeit im Feld kam, auf Exekutionen fremden Lebens, grauenhafte Verletzungen, dann trat in ihre Augen das Unheimliche: die Freimaurerei der Männer, die das Morden betreiben, von der sie zu den Frauen sagen: es ist nichts für euch. Dieser Ausdruck ist auch in Ihren Augen, Mitrofan, wenn Sie von der revolutionären Tat sprechen, und das beweist, daß Sie, Sozialist, für den es keinen Unterschied der Geschlechter gibt, männlicher Freimaurer sind, die Sphäre der männlichen Grausamkeit vor mir abschließen und das heißt vor allen, die menschlich sind.

Was Sie Diktatur zugunsten einer Idee nennen, ist der diktatorische Wille schlechthin, Sie richten nicht auf das neue Reich, sondern variieren nur das alte, in dem es Herrn und Sklaven gibt. Was Sie Paradoxie nannten und worin Sie eine eminente Überlegenheit sehn, ist nur die Volte, die Sie schlagen, um Ihr Spiel nicht aufzudecken, vor andren und vor sich. Menschen glauben so überlegen zu sein, daß sie den Punkt bestimmen können, wo eine Idee verabschiedet wird, in Ihrem Fall die Idee der zum letztenmal angewandten Gewalt — die Idee wird Ihnen über den Kopf wachsen, Sie immer weiter treiben, und am Ende werden Sie so blutbefleckt dastehn wie ein preußischer General, der in einem Dorf zweihundert Menschen niederschießen ließ. In Ihnen werden die Iwane Ihrer Geschichte wiedergeboren werden.“

Zum Berg steigend sah Lauda Fräulein Betz auf einer Bank, beobachtete, wie sie ein Buch öffnete, wieder sinken ließ.

„Ich kann nicht mehr lesen,“ sagte sie, „alles ist Lüge oder alles gemacht. Wer garantiert, daß in diesem zarten Dichter, den ich in der Hand halte, nicht wie in Mitrofan die Bestie erwacht, deren Triebe um so grausamer werden, desto geistiger die Form ist, in der sie auferstehn?“

Lauda gestand sich, daß sie zu den Frauen gehörte, die er unter gewöhnlichen Umständen nicht aufgesucht hätte. Physischer Charme der Frau fehlte ihr, es blieb nur übrig, den geistigen zu suchen. Daß nur Zufall dazu bewog, empfand er als Ungerechtigkeit, die sie gewohnt sein und dank ihrer Intelligenz festgestellt haben mußte. Er erriet Bitterkeit in ihrem Urteil über Leute, von denen sie sprachen; Bitterkeit wurde nicht selten zu kleiner Gehässigkeit, die ihr Genugtuung verschaffte — es war nebensächlich, er war sich unklar, welcher Grad von Energie dazu gehörte, so einsam zu sein, auf Herzensbeziehung zu verzichten, sie bei andren Frauen zu beobachten, Altjüngferlichkeit entgegenzusehn. Hinter solcher Energie stand wohl viel Güte, Glaube an Vermenschlichung, der nun durch den Krieg auf härteste Probe gestellt wurde. Er erinnerte sich, Artikel von ihr gelesen zu haben, Melancholie und Zähigkeit seltsam vermischt, geheime Ermahnungen an sich selbst, nicht verbittert zu werden.

Es war nicht leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie mochte mit differenzierten und mißtrauischen Nerven empfinden, daß Mann, der nicht ganz vom Reiz des Geschlechts absehn konnte, falsch vor ihr war, sein Interesse das einer Stunde.

„Die Welt ist vom Mann gemacht,“ sagte sie, „kein Vorwurf feministischer Art, Vorwurf erst, wenn er die Wahrheit leugnet. Männlicher Geist ist dem Götzen Tat untertan, er will durch Handlung und Umwandlung der Zustände reformieren. Nutzloses Beginnen, Umweg bloß, die Ändrung ist nur durch Umwandlung des Herzens möglich. Hängt das Glück der Menschheit vom Triumph des Sozialismus ab? Ich komme Ihrem Einwand zuvor und frage mich selbst, hängt es vom Pazifismus ab? Nicht vom äußren der Verabredung, nur von der innren Vorbereitung und Bereitwilligkeit, deren Symbol danach die Tat ist, nicht mehr. Sind Männer, männliche Männer, zu solcher Geistigkeit fähig? Ist Geist Wirkung des weiblichen Teils im Menschen? Wer sieht klar? Wir wissen nichts von den Mischungsverhältnissen in uns. Ist es überhaupt erlaubt, von einem weiblichen und männlichen Prinzip zu sprechen?“

„Gewiß nicht, es wäre ein Dualismus, der zwei absolute Regulative annimmt, eins ist schon zweifelhaft.“

Weitergeführtes Gespräch enthüllte das, was man die Stimmung nennen konnte, die diese Frau von sich selbst hatte. Sie stand in der internationalen Frauenbewegung, referierte, saß vor, schrieb, gehörte zur führenden Schar. Für ihre angelsächsischen Kolleginnen lag das Problem einfach, war praktischer Art: die Frau wurde von der Gleichberechtigung künstlich ferngehalten, es galt sie zu erzwingen, Zweifel über eine geistige Verschiedenheit der Geschlechter fochten nicht an. Die Kontinentale, Mitteleuropäerin, fühlte anders. Die Verschiedenheit war da, es war nicht nur Zufall oder Böswilligkeit, daß der Mann die Geschichte gemacht hatte. Sie gab es zu, aber was besagte es? Nichts. Sie war überzeugt, daß der Mann, der der eigentliche Schöpfer war, dieses Schöpferische von den Müttern erhielt, den Trägern des namenlosen und wesentlichen Funkens; nicht die Energie war geistig, sondern die Erregbarkeit, die Fähigkeit, beunruhigt zu werden, weiterzudenken, Sehnsucht zu haben, Phantasie und Vorstellungskraft im weitesten Sinn.