Die Frau war der stille Triumphator der Welt, nicht anerkannt, anonymer Mächtiger, Salz des Bluts. Es aussprechen, unendlich schwer, weil Aussprechen die Einheit zerstörte, mit dem Gegensatz arbeitete, denn Aussprechen hieß auch: angreifen, einen Gegner erfinden. Nah lag, solches Wissen um das Wesen der Frau wie ein schönes, tiefes Geheimnis zu hüten, aber das Leben zwang, aus der Anschauung in die Arena der Fordrung zu treten. Widerstreben in Madeleine, manchmal Müdigkeit angesichts der Worte und Proklamationen, und Einsamkeit in der, die kompliziert fühlte, vereinfacht handeln sollte.
„Die Liebesbereitschaft,“ dachte Lauda, „spricht so in ihr, sie möchte selbst Mutter sein, den Funken weiter geben. Es bleibt ihr versagt, weil — ihrem Arm und Busen ein paar Rundungen fehlen.“
Aber wenn man sich ganz in einen Mensch versenkte, stieß man immer auf den einen Grundkonflikt: Verhältnis von Tat und Beharren, Handeln und Sein; dieses Verhältnis war kein andres, als das primäre von Erzeugen und Erzeugtwordensein; das Erzeugte verlangte, etwas für sich zu werden, dem Prinzip, durch das es Leben erlangt hatte, Widerstand zu leisten, aus dem Kreislauf auszuscheiden.
Was wir Güte nannten, war die Anerkennung des Rechts auf eigne Existenz, von einem Lebewesen ausgesprochen, das doch keinen Einfluß auf die Tatsache seiner Existenz hatte. Wer Güte sagte, ging von der vollzognen Existenz aus; wer Energie sagte, von der noch nicht vollzognen.
Wer wie Mitrofan Energie, Rücksichtslosigkeit, Diktatur, Machtwille sagte, ging von der Tatsache des Urwillens aus, der Existenz erst schafft; darum war in ihm die Grausamkeit und Mißachtung der Einzelexistenz, dieses bereits selbständig Gewordnen.
Was war eine Lehre, die über die Einzelexistenz hinwegging, andres als ein Einbruch des Elementaren in das Geordnete: Ruhe einer Generation, Wunsch einer Generation, ihr kurzes Leben nicht selbst zu zerstören, wurde für nichts erachtet und die Natur, allerdings nur eine der Natur untergeschobne Absicht, künftiges Glück genannt, über den Augenblick gesetzt. Der letzte, äußerste Glaube dieser russischen Diktatoren mußte sein, sie seien Träger der Natur, Bevollmächtigte mit der Verfügung über Leben und Tod — Cäsarenstimmung, alle Mittel erlaubt um des höhren Zwecks willen.
Verborgenster Gedanke, von Lauda längst gesucht, begann sich zu enthüllen: das Leben, dort betrachtet, wo es in die Erscheinung schoß, verurteilte sich zu einem unlösbaren Konflikt: um sich zu manifestieren, brachte es Existenzen hervor, die ihm also nur Vorwand, Kristallisationspunkt, waren; die Existenzen wurden selbständig, waren da, traten in Gegensatz zu ihrem Erzeuger, dem nur an unaufhörlichen Weitermanifestationen gelegen war.
Banal ausgedrückt trat die Unvereinbarkeit von Tod und Leben ein, philosophisch ausgedrückt der Gegensatz von Monismus und Dualismus — dieser von jenem erzeugt. Wo ein unversöhnlicher Gegensatz war, war Leid, das Leben war Leid, Leid philosophisch erwiesen; die Paradoxie der Existenz ward sichtbar, was man auch so ausdrücken konnte, daß der „Wille“ sich selbst aus der Hand gab; die Tat war etwas andres als der Drang zu ihr.
Abends, allein, kam er auf die Auffassung zurück, die Fräulein Betz von der Frau und der Mutter hatte. Geistigkeit als femininer Zustand, das erinnerte ihn an Gedanken, die gelegentlich in ihm aufgetaucht waren. Aber Geist war auch nichts als verwandelte Energie, also das männlichste aller Phänomene. Dies wies darauf hin, daß die Unterschiede der Geschlechter nicht primärer Natur sein konnten. Zwei Gegensätze lösten sich auf, wenn man sie als Differenzierung eines dritten ansah, das besser das Erste, vor der Spaltung Gelegne genannt wurde.
Ging man davon aus, daß die Welt nur ein Ding im Fluß war, dann verschwand der letzte Rest jener Theologie, die zwei Extreme als feste Pole ansah — es gab nur Bewegung nach den Polen hin, nicht die Pole selbst, wie es nicht Seele, sondern nur Seelenhaftes gab.