Die Pole waren höchstens sekundärer, geschichtlicher Natur. Männlich und weiblich konnten nur Aggregatzustände sein, wie Wasser, Dampf, Eis Variationen waren, unterschiedlich nur an Dichtigkeit. Erhob sich die heikle Frage, ob Weiblichkeit der flüssigere oder komprimiertere Zustand war. Ohne Zweifel der undichtere, das paßte zu Laudas eigner Definition, daß Geist das Symptom einer Beunruhigung, das heißt einer Mutation zwischen zwei vorläufig definitiven Lagrungen war.

Soweit schien diese Frage gelöst. Wenn er nun daran dachte, wie er Mitrofan ideell, als energetisches Phänomen sah, wie ihm die männliche Energie in diesem Phänomen gerade Zerstörung des komprimierten Aggregatzustands war, dann schien sich Ja in Nein zu verwandeln, und die Tatsache, daß Frauen, noch eben Trägerinnen des Geistigen und Undefinitiven, konservativer, beharrender waren, verwickelte das Problem noch mehr.

Der Widerspruch war nur scheinbar, bot nur Schwierigkeit, wenn man dualistisch Weiblich und Männlich als getrennte Elemente behandelte. Man mußte den Begriff der Tat untersuchen, die Madeleine Betz dem Mann zuschrieb. Tat entsprang dem rasenden Trichter der Energie, ihr Ziel war, einen Zustand zu schaffen, das heißt ein Definitivum, die Ruhe; die Tat, das Geschaffne, suchte zu beharren, aber die nicht abstellbare Energie, dieser Taumel und Trieb zur ewigen Variation ihrer selbst, zersetzte das Produkt der ersten Tat, drängte zu neuen Lagrungen mit neuer Achse der Rotation. Die Überwindung der Trägheit verlangte eine äußerste Anstrengung der Energie, diese Anstrengung war genau so groß wie die Urenergie; nannte man die Fähigkeit zum Maximum dieser Energie männlich, so war verständlich, daß ein Mann mit derselben Kraft die erste Tat zersetzte, mit der er sie geschaffen hatte. Der undichtere Aggregatzustand des weiblichen Organismus erklärte dann sowohl dessen undefinitivre Lagrung, aus der das Unruhephänomen Geist geboren wurde, als seine größre Trägheit, wenn es galt, sich in Bewegung zu setzen.

Zunächst war der Mann beharrender, weil er komprimierter war (Energieleistung), dann wurde er Zerstörer (ebenfalls Energieleistung); zunächst war die Frau fluktuierender (geringre Energie), dann wurde sie konservativer (schwerere Trägheitsüberwindung).

Der erste Schritt zur innren Mathematik, zur dynamischen Geographie war getan, die Stadt des Hirns, schon längst Kosmos des Hirns geworden, begann ihre Pforten zu öffnen, hinter denen die Metaphysik lag, so nah.

D’Arigo hielt sich ein wenig fern; er lag den ganzen Tag mit Lilian auf dem See. Lilian war es, die zuerst entdeckte, was Lauda so stark empfunden hatte, daß d’Arigo ihm wie Bruder sei. Sie nahm an, Verwandtschaft des Äußren lasse auch Verwandtschaft der Ansichten vermuten, bemühte sich, sie zusammenzubringen, liebte es, beide nebeneinander sich gegenübersitzen zu sehn, zog Lauda in den Umkreis des auf den Freund gerichteten Lächelns ein, eines erstaunten, knabenhaften Lächelns, in dem immer Erwartung irgendeiner unerwarteten Handlung war — sie wußte wohl allein nicht viel mit ihrer Zeit anzufangen, brauchte Gesellschaft andrer dazu, den Ablauf von Spaziergang Rudern Teestunde Flirt; rätselhaft für Lauda die Nötigung zum Hochschulbesuch — Geheimnis der amerikanischen Seele. Reizend ihr Tailormade über den gotischen Hüften, leises Pariser Parfum darin, und siehe, die schmalen Puritanerlippen kannten den Rotstift.

D’Arigo war in Madrid aufgewachsen. Die Stadt: katholische Vergangenheit, die Schule: englisches Internat, das Haus: kosmopolitische Modernität — Gang durch sie drei wie Gang durch drei verschiedne von Dingen geworfne Schatten. Der Vater Spanier aus Ehe mit einer Norwegerin, die Mutter Deutsche. Die Elemente einer Seele schienen offen zu liegen, Verführung zu Konstruktion: Gestalt und Blondheit von der nordischen Großmutter oder der deutschen; Künstlertum im Sinn der Velasquez Greco Loyola vom Vater, die formale Energie darin durch englische Willenserziehung gestärkt bis zum Starrsinn: der Bildhauer erklärte sich und Gentleman mit Training.

Jugend zwischen zwanzig und dreißig ward in Paris und England verbracht, wo, in Salon und Landgut, gleiche Resultanten aus großer Vergangenheit und nervenbestimmender Schulung lebten, die Europäer, die Späten. Er trieb Sport, jeden denkbaren, empfand dabei Geistiges, Konzentration und Willen zur Bändigung. Ging von der Jacht zu Picasso ins Atelier, der gerade von seinen wunderbar gekonnten und aus Überlegenheit leidenschaftslosen Figuren den Vorstoß in die neue Welt des abstrakten Dahinter unternahm — keine Figur mehr, keine Landschaft, nichts vom Mensch, nur wunderbar gekonnte Statik aus Gerade, Tangente, Kreisabschnitt; Realität durch drei Spiegel gesehn, durch zehn gebrochen, mathematische Vegetation, aus Überlegenheit leidenschaftslos bis zur Zärtlichkeit.

Hier erhob sich erstmalig in d’Arigo die Stimme des Anteils deutschen Bluts; solche Vortreibung der Kunst in Sphären, die jenseits des Seelischen lagen — wenn man Seele die Sphäre nannte, woraus das Geschöpf Nahrung für seine Individualität, Trost, Erschüttrung, Rührung, Sehnsucht bezog — solche Neuerung war für germanisches Gefühl Überzüchtung, Artistentum, äußerster Gegensatz zu Rembrandts Menschlichkeit.

Der Lateiner in ihm widersprach, vermochte willig mitzugehn, empfand stolz die größre Geistigkeit, die späte Reife dieser Kunst, die nicht religiöse Kommunion mit dem All, sondern Florettstoß in das Herz des Erschaffnen war. Er schloß sich in seinem eignen Atelier ein, formte die Statue eines Gladiators, in dem nichts mehr vom anatomischen Muskelspiel des Modells war, nur vier in die Luft gestoßne Stümpfe, Muskellianen, in der Mitte ineinandergedreht um die Mutterfalte des Nabels; Mannequinkopf, Holzspeck des Nackens.