Ausstellung ergab die Paradoxie, daß dieselbe Gesellschaft, deren Verfeinerung Voraussetzung solcher nicht mehr realen Kunst war, hilflos nur den Maßstab der Salonkunst hatte, und ein Deutscher, in dessen Blut keine Tradition zu Greco führte, die Statue kaufte, den Künstler einlud, Aufträge gab. Als d’Arigo in Deutschland war, kam der Krieg. Ihm blieb der Sturm des Enthusiasmus fremd, aber es wuchs wie in einem versetzten Strauch ein Trieb nach; er empfand es als zweite Jugend, Bereichrung. Er begann Musik zu lieben; er, Anbeter des Sichtbaren, Künstler durchs Auge, stieß in den deutschen Kontinent vor, ward verwirrt, ging in die Schweiz, Klärung zu suchen — die deutsche Lockung blieb stärker. Er kehrte zur Gestaltung des weiblichen Körpers zurück und suchte wie alle, die Gegensätzliches in sich tragen, Ausgleich, indem er die Form, mit romanischster Männerhand herausgearbeitete, durch deutsche Musikalität beseelte.

D’Arigo betrachtend, während er von sich erzählte, empfand Lauda die Stockung, mit der es geschah, wohl als herrischste Straffheit, Willen zur Form, und empfing doch noch unbestimmten Eindruck einer der Produktion gefährlichen Verbissenheit, Ausgleich erzwingen zu wollen, etwa als überließe d’Arigo sich nicht fessellos genug dem deutschen Gefühl, führe zu früh die Bändigung ein.

Und die Zurückhaltung, mit der jener von der zärtlichen Keuschheit sprach, die er nun seinen Frauen zu geben versuchte, schien Lauda selbst Keuschheit zu sein, neue, unvereinbar mit diesem antiken Kameenkopf und den Liebeserfahrungen der Pariser Gesellschaft. Wie, wenn die deutsche Bereichrung nur eine Rückbildung war, zersetzend frühere Klarheit? Er wußte es nicht, hatte nur den Eindruck der Möglichkeit. Was hatte d’Arigo zu Lilian geführt, die neue Lockung oder die alte? Und sie selbst, auch zwischen die Rassen Gestellte, was war sie, Sweegirl, durch Paris Gegangne?

Manchmal begegnete man Lisbao, und das war, als sei man nicht in einem Privathaus, sondern im Hotel; er nickte unmerklich, ging weiter. Er schien flüchtige Bekanntschaften unter den Gästen zu haben, aber nie redete er sie an, sie nur ihn. Kleine, zierliche Gestalt, blasser Teerosenteint unter schwarzen Haaren, die Stimme so leise, daß sie unvernehmlich war, zwanzigjähriges Kind, gestern noch Kind in einem Stift mit mönchischen Brüdern.

„Er sieht aus,“ sagte Lauda, „als besinge er den Mond und die verheiratete Geliebte unzugänglich.“

„Sprich mit ihm,“ antwortete Hannah mit einem feinen Lächeln, „er liebt zwei Dinge nicht, Politik und Philosophie.“

Lauda tat, wie ihm geheißen war, bat Lisbao, ihm eins seiner Bücher zu leihn. Lisbao hatte kein Buch herausgegeben, kein Verleger war zu finden gewesen. Er veröffentlichte seine Gedichte in italienischen Zeitschriften, war Gast bei Futuristen, obwohl er die Achseln über sie zuckte, sie waren Naturalisten, denn sie stellten Fordrungen auf, mit dem Schmutzigen verbunden, dem Krieg, den sie als befreiende Barbarei priesen, kämpften gegen den Bürger und genossen seinen Zorn, wenn sie ihm vorschlugen, den Schatz der Sentimentalität, die Museen mit Inhalt von Raffael bis Tizian an noch Sentimentalre, die Amerikaner, zu verkaufen. Gegen den Bürger führte man nicht Krieg, der Bürger bestand nicht — Vakuum, über das man hinwegsah; die Welt der Realität war Vakuum.

Es beschäftigte sich diese Welt mit: Geschichte, Pädagogik, Philosophie, dreimaligen Sisyphuserfindungen, das Nichts der Hirne auszufüllen. Geschichte: man durchwühlte die Vergangenheit, das Gesetz der Kausalität zu finden. Kausalität bewies ihnen, daß ihre Existenz Zweck hatte — Geburt des Freisinns, der den Enkeln vermitteln will, was Väter erschaffen hatten, Zeugungskette von Wilhelm Tell bis Gottfried Keller. Wilhelm Tell war ihm Guillaume tel et tel, was ging er ihn an. Von allem, was gewesen war, gedacht, geschrieben, übernahm er einen Satz des Descartes: Ich will nicht einmal wissen, ob es Menschen vor mir gegeben hat, der Rest war ihm Papyrus, unverständliche Hieroglyphe, wohltätig tot — Tod war die einzige Gerechtigkeit, die es gab, das Gesetz, mit dem man sich identifizieren konnte, der große Würger: recht so, drücke mit zwei Knochenfingern die Kehle des Menschen zu, wie der Mensch die eines Vogels, écrasez l’infâme.

Pädagogik: denn Mensch in seiner Feigheit und Armseligkeit verwandelte sein Hirn in ein System von Schubladen, Apotheker des Daseins, der das sinnlos Seiende in sinnvoll Seinsollendes umzuschaffen glaubte, wenn er kann, soll und muß aufklebte. Verwesender Pedant, der durch Erfindung der Ideale Unsterblichkeit zu erlangen meinte, Schulmeister, der sich durch Gase des Gefühls aufblies und doch nur ein Ballon war, mit nichts gefüllt. Kunst die unreine Seßhaftigkeit in den eignen Exkrementen, statt daß er sie über Bord warf, leicht und vegetativ zu sein; Seele, die Selbstzufriedenheit der verseuchten Hure vor dem Spiegel, wenn sie sich schminkt und dreht. Vernahm er die Worte Ideal und Wissenschaft, vernahm er das Bumbum des großen Kalbfells der Jahrmärkte.

Es gab keine andre Kunst als die, die Beschäftigung mit sich selbst war, saubre, reinliche Angelegenheit, die andre nicht bekehren wollte. Es saß im Irrenhaus der Welt jeder in seiner Zelle — Korridor davor, auf dem man sich begegnen konnte, wenn er zugleich erlaubte, sich zurückzuziehn, und in der Zelle saß jeder, spann aus seinem Nabel. Kunst tat niemand weh, und wer sich damit abzugeben wußte, erfuhr Angenehmes und gute Gelegenheit, das Land der Unterhaltung zu bevölkern. Kunst war Privatangelegenheit, genau wie wenn einer Knöpfe sammelte oder Kaktus mit der Birne pfropfte — falls es ihm Spaß machte? Aber Kunst der Ausstellungen und Museen, Lehrstühle und Kritiker — o Freunde. Er löschte aus, was von Praxiteles bis vor Picasso gestaltet war, mit Picasso begann das Neue, darin nicht mehr Belehrung, Moralität, Gottsuchen, Gegenständlichkeit war. Philosophie war Bildungstrieb, Vermehrung der Qualligkeit des Hirns, das tönende Pathos, Sentimentalität, Rührung des armen Teufels über sich selbst.