„Und Sie wollen heute Abend,“ fragte Lauda, „Manifest und Verse vorlesen, die diesen Auffassungen entsprechen? Warum tun Sie das? Wenn der Bürger eine schleimige Kröte ist, bösartig, seßhaft in seinen Büros, vom eignen Gift vergiftet, wendet man sich nicht an ihn. Warum tun Sie es also? Denn selbst die hier Anwesenden, die sich für die fortgeschrittensten Europäer halten werden, da sie ja ebenfalls der Bourgeosie Todfeindschaft geschworen haben, sind für Sie nichts andres als Narren ihrer Ernsthaftigkeit, Moralisten und Pädagogen.“

„Um sie herauszufordern,“ antwortete Lisbao.

„Das Epatez le bourgeois ist nun ein Jahrhundert alt, die deutschen Romantiker übten es zuerst, die französische Boheme formulierte es.“

„Ein Stachel in ihrem Fleisch zu sein, ihre Sicherheit zu beunruhigen, aus sonst einem Grund, ich weiß es nicht, ich bin nicht Psychoanalytiker.“

Einem bürgerlichen Betrachter standen zur Erklärung eines Phänomens wie dieses Ungegenständlichen verschiedne Schlagworte bereit: Weltschmerz der zwanzig Jahre; Artistentum; geistige Ratlosigkeit gegenüber dem Ansturm des ersten Denkens; Irrsinn.

Weltschmerz war pathetischer Genuß des Leids, das nicht ganz der Überzeugung entsprach — in Lisbao war offenbar Haß gegen Pathos und eine Stimmung vom letzten her, als sei Seele ein Geschwür, krebshafte Wuchrung in entarteten Organismen. Ob damit ein Gott getroffen werden sollte oder er selbst, blieb unklar.

Die andren Erklärungen waren nicht wesentlicher; Vorwurf des Artistentums traf nicht, denn hier galt nur noch die kleine Sphäre, in der sich ein Individuum einspann, aus seinem Nabel zu spinnen. Warum aber verwarf er nicht auch diese letzte Beschäftigung? Um dem in der Zelle Eingesperrten nicht das letzte Vergnügen zu rauben, oder weil er eben persönlich — Künstler war? Es wäre ihm nichts übrig geblieben, als sich zu erschießen. Irrsinn, wenn auch nur in der mildren Form der Dämonie? Es gab Kunst, die Stammeln der unter dem Griff Aufstöhnenden war, oder Anklage der Gepeitschten, Flamme, die aus denen schlug, die verbrannten; aber das portugiesische Kind war von einer Ruhe, die eine sinnliche Empfindung gab: Körper wie der eines Pelztiers in Wärme gebettet, ruhig atmend in dieser Wärme. Radikalismus, der sich mit Ruhe verband, war hohe Geistigkeit, ja man konnte Geistigkeit schlechthin so definieren.

Lauda folgte Lisbao auf sein Zimmer, die italienischen Zeitschriften zu sehn. Er fand auch französische, spanische und erfuhr, daß ungegenständliche Kunst sich als eine übernationale Bewegung zu dokumentieren begann, der erweiterten westlichen, lateinischen Hemisphäre. Ein Vorstoß war bis Neuyork gedrungen, wo das erste Heft einer Zeitschrift erschienen war, das zweite darauf in Barcelona. Das war wie das Aufflackern anarchistischer Attentate — Gleichnis nur, durch irgendeine dem Wort Barcelona entspringende Assoziation bei Lauda sich meldend, aber im selben Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke, diese Bewegung, die den Strich unter das Bürgerliche setzte, berge einen kalten Fanatismus, der dem der bolschewikischen Russen verwandt sei an Ursprung und Energie, gleich ihm vielleicht die Welt überziehn könne. Aus der Mutation des europäischen Kosmos, Weltkrieg genannt, brachen zwei Entladungen, elektrische Ströme, die über den Ball griffen, die soziale und die geistige Revolution.

War nicht in dem Haß gegen den Selbsternst des Bürgerlichen und seine gepachteten Domänen Kunst, Wissenschaft, Politik Möglichkeit eines Lachens, das im Zeitalter der Weltorganisation unbekannte Formen annehmen konnte? Lisbao lachte nicht, aber der nächste aus seinem Kreis schärfte vielleicht schon des Florett, das auf andre Art den Stoß ins Herz der Dinge führte.

Am Abend las Lisbao. Es war, als trete in einem Hotel der Herr, den man schon gelegentlich sah, auf und enthülle den Zweck seiner Anwesenheit, Engagement. Er las Italienisch, Französisch und Deutsch; seine eignen Arbeiten waren französisch geschrieben. Sein Manifest wandelte die Gedanken ab, die er Lauda vorgetragen hatte.